Der heutige Naturalismus basiert auf vier grundsätzlichen Faktoren, nämlich dem Zufall, der Evolution, der Mutation und der Selektion. Der Zufall ist in diesem naturalistischen Orchester der vier vermeintlichen Weltfaktoren der Generalfeldmarschall. Durch Zufall sei die Welt entstanden; durch Zufall sei das Leben der ursprünglich toten Materie entsprungen, der Zufall ermöglichte aufgrund zufälliger Mutationen, also rein zufälliger Veränderungen des Erbguts, eine Höherentwicklung dieses Lebens aus primitivsten Organismen bis hin zu höchst organisierten Lebewesen. Der Zufall regierte und dirigierte auch die Selektion im Sinne des Überlebens jener durch Zufall mutierten Organismen, die sich den ständig veränderten Umweltbedingungen aufgrund günstiger Mutationen besser als andere anpassten.
Auch der Geist des Menschen ist dem Naturalismus zufolge nicht etwa das Resultat eines zielgerichteten, also teleologischen Entwicklungsprozesses, sondern er entsprang diesem Prozess als zufälliges Nebenprodukt. Er war nicht beabsichtigt, nicht gewollt, nicht von irgendjemandem, etwa einem transzendenten Geist oder Gott oder von irgendeiner intelligent planenden Kraft gewünscht gewesen. Also kein intelligent design, kein durchdachter Plan als Startvorlage der Schöpfung.
Auch der Mensch ist also nicht die Krone der Schöpfung, wie das viele Religionen, insbesondere die christliche, behaupteten. Er ist nicht mal die Speerspitze der Evolution, sondern das nicht geplante, nicht zielstrebig angesteuerte Produkt des Megamagiers Zufall.
Schon deshalb verbiete es sich, das Geistige im Menschen als eigenständige und souveräne Instanz anzusehen oder anzuerkennen. Es ist eine zufällige Deviation der vielfältigen, in alle möglichen Richtungen auseinanderdriftenden Evolutionsprozesse. Daher ist dieser Mensch auch nur wie alle anderen Tiere nicht mehr als ein Tier, engstens verwandt mit den Schimpansen, von denen er sich höchstens graduell, nicht qualitativ unterscheide. Wie alle anderen Tiere ist der Mensch nur aus Materie, d.h. aus einem Körper und einer von diesem abhängigen Psyche zusammengesetzt.
Trotzdem wagen es nur relativ wenige Naturalisten, den Menschen ausdrücklich als Tier oder als Affen zu bezeichnen. Es wäre aber die logische Konsequenz des Naturalismus, der eben nicht die ganze Natur in ihren fast endlosen intelligenten Schöpfungen sieht, vielmehr den Geist in ihr negiert und die Natur beschneidet.
Was mit diesem Reichtum der Natur gemeint ist, lässt eine Aussage des vielleicht größten Genies der modernen Physik, Albert Einstein, erahnen. Er spricht von „einem unendlichen geistigen Wesen höherer Natur, das sich selbst in den kleinen Einzelheiten kundgibt, die wir mit unseren schwachen und unzulänglichen Sinnen wahrzunehmen vermögen“. Es sei die „Überzeugung von der Existenz einer höheren Denkkraft, die sich im unerforschlichen Weltall manifestiert“. Keiner sollte „den unendlich überlegenen Geist“ in der Natur übersehen, „der sich in dem Wenigen offenbart, was wir mit unserer schwachen und hinfälligen Vernunft von der Wirklichkeit zu erkennen vermögen“. Nach Einstein können wir nur eine „Ahnung von dem wunderbaren Bau des Seienden“ erlangen, nur „nach dem Begreifen eines noch so winzigen Teiles der in der Natur sich manifestierenden Vernunft“ streben.
Diesen Reichtum der Natur, den ihr immanenten Geist negiert bzw. desavouiert der Naturalismus. Naturalismus – das ist eine endlose Wüste vernunftloser, zufälliger Geschehnisse ohne Sinn und Ziel!
In Deutschland allerdings gibt es Einen, der es wagt, die letzte Konsequenz diese Naturalismus in seinen Publikationen und Vorträgen direkt zu nennen: Es ist Michael Schmidt-Salomon (MSS), der Sprecher und Chefdenker der Giordano Bruno Stiftung (gbs), der zwar auch nicht expressis verbis zugibt, dass der Naturalismus das Ende des Humanismus bedeutet, aber immerhin von uns allen verlangt, uns zu unserem Affensein, unserem totalen Tiersein zu bekennen. Sein neuer Imperativ lautet: »Werde nach all den Grausamkeiten in der Natur und den Absurditäten der menschlichen Geschichte ein freundlicher Affe «. Und er schickt gleich die nächste Konsequenz hinterher, indem er in seinem Buch „Jenseits von Gut und Böse“ lang und breit zu begründen versucht, „warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind“.
MSS weiß, was er uns, aber auch den Mitgliedern der gbs damit zumutet. Denn nicht alle in diesem Verein sind Naturalisten. Er versucht es also allen schmackhaft zu machen. Die „Akzeptanz des Affen in uns“, so MSS, müsse gar nicht „in die ethische Sackgasse des Zynismus führen“. Denn „der Affe in uns ist bei genauerer Betrachtung gar kein unfreundlicher Geselle… Der Mensch kann sich unter günstigen Umständen zu einem ungewöhnlich sanften, freundlichen und kreativen Tier entwickeln“.
An die Stelle eines neuen Humanismus, den er vermeintlich propagiert, setzt also MSS einen Animalismus, genauer einen Pongidismus. Auf diese Weise befreit er uns auch sogleich von einem weiteren »Laster «, der Last der Vernunft und des Gewissens. O-Ton MSS: „Der Mensch konsequent als Naturwesen begriffen, d.h. als ein zufälliges Produkt der biologischen Evolution“, kann infolgedessen auch, ja „insbesondere den weitverbreiteten Glauben an eine… von körperlichen Prozessen auch nur partiell unabhängige Vernunft“ ablegen. Descartes »denkendes Ich«, das noch wenigstens in begrenztem Umfang über seinen Körper bestimmen konnte, sei endgültig passé. Dieses Ich sei in Wirklichkeit „nichts weiter als ein Artefakt des körperbewussten Gehirns. Das für unser Selbstverständnis so zentrale … Gefühl, dass wir autonom handelnde… Subjekte sind, ist … nichts weiter als das Resultat einer geschickten Selbsttäuschung unseres Organismus. Das bewusste Ich wird erzeugt und gesteuert von neuronalen Prozessen, die selbst unmittelbar nicht erfahrbar sind“.
Als Sahnehäubchen über dem ganzen Humanismus à la MSS könnte dann als Überschrift seine These stehen, „dass sich die stolzen Mitglieder der Spezies Homo sapiens in ihren Grundzielen nicht von der gemeinen Spitzmaus unterscheiden.“
Das alles könne also nur der Megamagier Zufall zustande gebracht haben. Deswegen mache auch die Evolution jede Fortschrittserwartung zunichte. Es handle sich vielmehr bei ihr „um einen fortschrittsblinden Zickzackweg auf dem schmalen Grat des Lebens“.
Der Naturalismus von MSS und unter seinem Einfluss auch der gbs wurde hier umfänglicher dargestellt, und zwar nicht, weil er originär oder besonders originell wäre, sondern weil er eine leicht lesbare, für in naturwissenschaftlichen Dingen nicht besonders Informierte gut verständliche Version des Naturalismus darstellt. Es ist eine eklektische Synthese, die bei den Halbgebildeten unserer Zeit besser als ein streng wissenschaftliches Werk über den Naturalismus ankommt.

Prüfen wir nunmehr die wesentlichen Elemente des Naturalismus auf ihre Wahrheit bzw. Wahrscheinlichkeit hin:


a) Der Zufall
Er soll dem Naturalismus zufolge der Schöpfer alles dessen sein, was überhaupt entstanden ist. Gerade MSS preist enthusiastisch den Zufall, der so wunderbar alles bewirkt habe. Betrachtet man aber die Aussagen führender und anerkannter Naturwissenschaftler, sogar solcher aus dem naturalistischen Lager, dann sieht die Sache ganz anders aus. Der Nobelpreisträger in Biologie, Jacques Monod, Bestsellerautor mit seinem Buch „L‘hazard et necessitée“ („Zufall und Notwendigkeit“), gesteht ganz offen: „Bei dem Gedanken an den gewaltigen Weg, den die Evolution seit vielleicht drei Milliarden Jahren zurückgelegt hat, an die ungeheure Vielfalt der Strukturen, die durch sie geschaffen wurden, und an die wunderbare Leistungsfähigkeit von Lebewesen – angefangen vom Bakterium bis zum Menschen – können einem leicht wieder Zweifel kommen, ob das alles Ergebnis einer riesigen Lotterie sein kann, bei der eine blinde Selektion nur einige Gewinner ausersehen hat… Es ist absurd und absolut unsinnig zu glauben, dass eine lebendige Zelle von selbst entstehen kann. Aber dennoch glaube ich daran, denn ich kann es mir nicht anders vorstellen“. Im Grunde, so Monod, sei das Leben ein völlig unwahrscheinlicher, „einzigartiger Betriebsunfall im Universum“.
G. G. Simpson, einer der berühmtesten amerikanischen Paläontologen, Morphologen und Neodarwinisten betont zunächst forsch: „Der Mensch ist das Ergebnis eines nicht zweckbestimmten, materialistischen Prozesses, der ihn nicht beabsichtigt hat“. Er verkörpere nur „zufällig die höchste jemals aufgetretene Organisationsform von Materie und Energie“.
Dann aber überkommen ihn Zweifel, ob die Evolution tatsächlich „ein Naturereignis“ sei, das völlig mechanistisch ablaufe. Denn „dieser natürliche Vorgang ruft den Eindruck eines Vorsatzes hervor, ohne dass jemand eingriffe, der diesen Vorsatz verfolgte, und er hat einen ausgedehnten Plan geschaffen, ohne gleichzeitige Handlung eines Planenden. Es kann sein, dass das Ingangbringen des Vorgangs und die physikalischen Gesetze, nach denen er abläuft, durch jemanden einmal zu einem Zwecke bestimmt wurden und dass diese mechanistische Art und Weise, einen entsprechenden Plan durchzuführen, als Werkzeug eines Planenden anzusehen ist – aber es ist nicht Aufgabe des Wissenschaftlers, über diese außerhalb des Bereiches der Wissenschaft liegenden Probleme zu sprechen“.
Simpson steigert sich sogar noch, ganz im Gegensatz zu dem, was er weiter oben über die Zufälligkeit der Evolution gesagt hat. Denn er betont mit Nachdruck, dass es „eine grobe Missdeutung wäre zu behaupten, er (der Mensch) sei nur ein Zufallsprodukt oder nichts als ein Tier. Unter den unzähligen Formen der Materie und des Lebens auf der Erde – und soweit wir wissen, in der ganzen Welt – ist der Mensch einmalig“.
Sir Karl Popper, Begründer des Kritischen Rationalismus, einer der bedeutendsten Wissenschaftsanalytiker und Philosophen, steht der Entstehung des Lebens durch Zufall ebenfalls kritisch gegenüber: „Für den Ursprung des Lebens können wir anscheinend keine Erklärung geben, denn eine probabilistische Erklärung muss mit Wahrscheinlichkeiten nahe 1 arbeiten, nicht aber mit Wahrscheinlichkeiten nahe 0, gar nicht zu reden von Wahrscheinlichkeiten, die praktisch 0 sind … Wir können uns nur wundern, dass sich aus toter Materie Leben ergeben hat und schließlich das Bewusstsein“. Materialismus, Physikalismus und Naturalismus, ergänzt Popper noch, würden zur Erklärung dieser Prozesse nichts beitragen.
Popper wies in seinen Schriften immer wieder auf die nicht mehr beweisbaren Voraussetzungen jeglicher Wissenschaft hin: „Die Wissenschaft ruht nicht auf Grundgestein. Das kühne Gebäude ihrer Theorien erhebt sich gleichsam aus dem Sumpf. Es ist einem Pfahlbau ähnlich. Die Pfähle werden von oben her in den Grund getrieben, aber nicht bis hinunter zu irgendeiner natürlichen oder ›gegebenen‹ Basis“. Nie verfüge die Wissenschaft über „endgültige Erkenntnisse“ und müsse daher immer „neue Erklärungsversuche“ prüfen.
Selbst Richard Dawkins, für nicht wenige Intellektuelle in der ganzen Welt ein ganz entscheidender Stützpunkt für ihren eigenen Atheismus und Materialismus, wendet sich gegen den Universalismus des Zufalls, gegen ihn als Wunderwaffe für die Erklärung aller Weltprobleme. Gerade in Bezug auf die Entstehung des Universums macht Dawkins einen aufsehenerregenden Rückzieher vom Zufall, ja sogar von seinem Atheismus. In seinen Augen taugt der Zufall nicht zur Erklärung der Weltentstehung. Es braucht nach Dawkins „ein bisschen deistische Mitwirkung bei den Anfangsbedingungen des Universums, so dass über lange Zeiträume hinweg Sterne, Elemente, Chemie und Planeten entstehen konnten und die Evolution des Lebens stattfand“. Gott sei „bei fairer, unvoreingenommener Betrachtung immer noch eine wissenschaftliche Hypothese“. Und er räumt auch ein, dass es „tatsächlich tiefgreifende, sinnvolle Fragen“ geben könne, „die für alle Zeiten außerhalb des Bereiches der Naturwissenschaften liegen werden“.
Dawkins verschließt nicht einmal die Augen vor „dem fundamentalen Makel der ganzen Theorie vom blinden Uhrmacher“ und damit vor einem „letzten Beweis für einen Planer; nicht für einen blinden, sondern für einen weitblickenden übernatürlichen Uhrmacher“.
Für den Bereich der toten Materie und ihrer Entstehung spricht Dawkins sogar dem Darwinismus jede Erklärungskompetenz ab: „Der Darwinismus gilt nicht unmittelbar für die Welt des Unbelebten – etwa die Kosmologie -“. Aber „wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch in der Physik noch ein besserer ›Kran‹ gefunden wird, der ebenso leistungsfähig ist, wie der Darwinismus in der Biologie“. Bislang jedoch, „kennen wir einen entsprechenden ›Kran‹ für die Physik nicht“.
Auch Charles Darwin, den MSS fälschlicherweise ebenso wie Dawkins als Vorläufer, Vor- und Leitbild seines „Systems“ zelebriert, konnte mit der Lösung des Problems der Entstehung der Welt per Zufall nichts anfangen: „Das Mysterium vom Anfang aller Dinge können wir nicht aufklären; und ich jedenfalls muss mich damit zufriedengeben, Agnostiker zu bleiben“. Wohlgemerkt, Agnostiker, kein Atheist, kein Naturalist, weil Agnostiker mit Offenheit für die Möglichkeit von Metaphysik! Betont Darwin doch: „Es ist wahrlich eine großartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht hat und dass, während unser Planet, den strengsten Gesetzen der Schwerkraft folgend, sich im Kreise geschwungen, aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe der schönsten und wundervollsten Formen entwickelt hat und sich noch immer entwickelt“.
Darwin hat sich immer wieder mal im Gegensatz zu den Naturalisten die Freiheit genommen, von Schöpfung anstatt von Natur zu sprechen, so zum Beispiel 1862, drei Jahre nach der Veröffentlichung seines Werkes „Über die Entstehung der Arten“: „Zuinnerst spüre ich, dass die ganze Frage nach der Schöpfung für den Intellekt des Menschen zu schwierig ist. Mit gleichem Recht könnte ein Hund über den Verstand Newtons spekulieren“.
Auch einige prominente Evolutionsbiologen der Gegenwart gehen das Problem Schöpfung im Geiste Darwins durchaus ernsthaft an. Der Gedanke an ein intelligentes, planendes Prinzip drängt sich ihnen immer dann auf, wenn sie ihre Erklärungen enorm unwahrscheinlicher Komplexitäten durch den Zufall als unzureichend erkennen müssen. So sagt beispielsweise der Neodarwinist George Greenstein in seinem Buch „The Symbiotic Universe: Life and Mind in the Cosmos“: „ Wenn wir all diese augenscheinlichen Fakten betrachten, erwacht unausweichlich der Gedanke, dass irgendeine übernatürliche ›agency‹ - oder besser ›Agency‹ - im Spiel sein muss. Ist es möglich, dass wir plötzlich, ohne es zu beabsichtigen, in einen wissenschaftlichen Beweis der Existenz eines ›Supreme Being‹ hineingetappt sind? War es Gott, der in die Szene trat und auf diese Weise fürsorglich den Kosmos zu unserem Nutzen entwarf?“
Auch Julian Huxley, berühmter Evolutionsbiologe, einer der Schöpfer der neuen synthetischen Theorie des Neodarwinismus und erster Generaldirektor der UNESCO, der auch der einzige echte und eigentliche Begründer des Evolutionären Humanismus ist, lehnt den Zufall zur Erklärung des Ursprungs des Kosmos strikt ab. Er scheut sich nicht, in Bezug auf diesen Ursprung das Wort Mysterium zu verwenden: „Dem klaren Licht der Wissenschaft, so sagt man uns oft, hat das Mysterium nicht standgehalten, und nur Logik und Vernunft sind übriggeblieben. Das ist völlig falsch. Die Wissenschaft hat den verhüllenden Schleier des Geheimnisses von vielen Phänomenen gelüftet, aber sie konfrontiert uns mit einem grundlegenden und universalen Geheimnis - dem Mysterium der Existenz überhaupt, und der Existenz des Geistes im besonderen. Warum existiert die Welt? Warum ist die Welt so und nicht anders beschaffen? Warum weist sie geistige oder subjektive Aspekte ebenso auf wie materielle und objektive? Wir wissen es nicht. Wir können diese Tatsachen nicht deuten, wir können sie nur feststellen. Das heißt, dass wir das Universum als gegeben hinnehmen. Wir müssen lernen, es richtig zu verstehen und seine sowie unsere eigene Existenz als das eine grundlegende Mysterium hinzunehmen. Zwar vermögen wir hinsichtlich des Universums in seiner Gesamtexistenz nur eines: zu entdecken, dass es ein unantastbares Geheimnis ist, doch die Einzelheiten dessen, was sich in diesem Universum abspielt und zur Welt der Erscheinungen gehört, sowie die Beziehungen der mitwirkenden Teile untereinander lassen sich mit Verstand und Phantasie vom Menschen gewinnbringend aufklären“.
Zwar versuchen atheistisch-naturalistische Denker immer wieder an diesem »unantastbaren Geheimnis« zu rütteln, es aufzulösen, aber sie müssen immer wieder scheitern, weil sie bei diesen Versuchen stets eine letzte Voraussetzung, eine allerletzte Annahme machen, die sie nicht mehr begründen können. Allein schon die Tatsache, dass die vier Grundkonstanten des Kosmos (Gravitation, elektromagnetische Kraft, starke und schwache Kernkraft) in genialen, unsagbar fein abgestimmten Zahlenverhältnissen zueinander stehen, die nicht verändert werden konnten, ohne dass das Universum bald nach dem Urknall wieder zusammengebrochen oder gar nicht entstanden wäre, diese Tatsache wird einfach vorausgesetzt, wird als unerklärliche Voraussetzung zur System-Grundlage gemacht. Diese System-Grundlage ist irrational, weil im Rahmen des eigenen Systems nicht mehr erklärbar. Aber der Naturalist tröstet sich damit, dass er mit Ausnahme des Megazufalls der Weltentstehung alles Weitere dann schon mithilfe von Evolution, Mutation und Selektion streng rational werde erklären können, womit er sich aber wiederum täuscht, wie wir gleich sehen werden.

b) Evolution, Mutation, Selektion
Kein Vernünftiger leugnet heute, dass es Evolution, dass es Entwicklungen in der Natur, in der Tier- und Pflanzenwelt bis hin zum Menschen gegeben hat. Aber die Kausalfrage der Evolution, die Frage, welche entscheidenden Faktoren den Evolutionsprozess auslösten und dominierten, ist bis heute nicht geklärt. Zwar behaupten die Neodarwinisten, dass sie mit ihrer »Synthetischen Theorie« der Modernisierung des Darwinismus das Ei des Kolumbus entdeckt hätten, aber es gibt eine Menge gravierender Einwände gegen diese Behauptung, so dass der Philosophiehistoriker R. D. Precht in seiner hervorragenden Zusammenfassung aller Ansätze und Einwände zu diesem Punkt als Fazit konstatiert: „Gesichert in der Evolutionstheorie ist, dass keine ihrer Annahmen gesichert ist … bei näherer Sicht erweist sich die Evolution geradezu als Herrschaftsgebiet der Ausnahmen über die Regeln. Sie ist eine ›Zweckmäßigkeit ohne Zweck‹“.
Und Karl Popper hält die Evolutionstheorie nur noch für ein „metaphysisches Forschungsprogramm“. Strikt genommen, sei sie „unwissenschaftlich“, da sie sich wegen der ungeheuren Zeiträume, die die terrestrische Evolution gebraucht habe, der wissenschaftlichen „Verifikation und Falsifikation“ entziehe. Man könne aufgrund dieser Theorie auch keinerlei Voraussagen machen, die sich dann später falsifizieren ließen (Evolution, kommentiert zurecht der Berliner Philosoph R. Schröder diese Behauptung, „ist keine Tatsache, für die sie Darwin einfach gehalten hat, sondern eine These einer wissenschaftlichen Theorie …, die man nicht durch ein Experiment nachweisen kann, weil sie eine Singularität von vielen Milliarden Jahren ist; es gibt nur Indizien, keine Beweise“. So ist „der Evolutionismus … keine absolute Wahrheit, sondern nur eine mögliche Sichtweise der Natur, die historisch und kulturell bedingt und somit wandelbar ist“).
Während MSS überhaupt keine Schwierigkeiten hat, mit einer langen, kontinuierlichen, nie unterbrochenen Kette von Mikromutationen die unsagbare Vielfalt der Hervorbringungen der Natur bis hin zum Menschen zu erklären, weisen sogar naturalistisch gesinnte Fachwissenschaftler auf die vielen Rätsel hin, die sich bei einer solchen Sicht der Evolution haufenweise ergeben. Daniel C. Dennett zum Beispiel, der in Harvard, Pittsburgh, Oxford und Paris lehrte, einer der prominentesten Vertreter eines Neuen Atheismus, übrigens ein enger Freund von Dawkins, gibt die Unwahrscheinlichkeit, ja fast Unmöglichkeit einer mikromutativen Evolution durchaus zu: „ In der Evolution geht es immer um Prozesse, die fast nie auftreten. Jede Geburt in jeder Abstammungslinie kann potentiell eine neue Art hervorbringen. Aber Artenbildungen kommen so gut wie nie vor, bei einer Million Geburten nicht ein Mal. Mutationen in der DNA kommen fast nie vor – bei einer Billion Kopiervorgängen nicht ein Mal – aber die Evolution hängt davon ab. Man nehme die Menge der seltenen Zufälle – Dinge, die fast nie passieren – und unterteile sie in die glücklichen, die neutralen und die tödlichen Zufälle; dann verstärke man die Wirkung der glücklichen Zufälle … und heraus kommt Evolution“.
Dennetts Freund Dawkins, für Viele der personifizierte Beweis, dass Gott wissenschaftlich widerlegt sei, gesteht ebenfalls: „Wir können eine Milliarde Jahre lang immer und immer wieder Zellen willkürlich zusammenwerfen und werden nicht ein einziges Mal ein Konglomerat erhalten, das fliegt oder schwimmt oder gräbt oder rennt. Oder überhaupt irgendetwas tut, sei es auch schlecht, von dem man in etwa sagen könnte, es arbeite, um sich selbst am Leben zu erhalten“.
Im Gegensatz zu vielen Naturalisten scheut sich Dawkins nicht einmal, in Bezug auf die großartigen Kreationen der Natur das Wort Wunder in Anspruch zu nehmen: „Schuberts musikalisches Gehirn ist ein Wunder der Unwahrscheinlichkeit, viel unwahrscheinlicher sogar als das Wirbeltierauge.“
Die Komponente, die Dawkins und Dennett dann doch wieder aus dem Auge verloren haben, ist die Selbstorganisation des Lebens, die Kreativität des Universums. Komplexitätsforscher weisen neuerdings immer häufiger auf diese Komponente hin, ohne die das gewaltige Gebäude der Biosphäre nicht entstanden wäre. „Die Evolution … entzieht sich der vollständigen Beschreibung durch Naturgesetze“, auch durch die Gesetze von Mutation und Selektion. „Mit keinem Gesetz ließe sich im Voraus vorhersagen, welchen Weg die Evolution beschreiten wird“. Wir finden im Universum „die Spur einer enormen, zumindest teilweise keinen Gesetzen unterworfenen Kreativität“.
Da stellt sich natürlich die Frage nach der universellen Gültigkeit der Naturgesetze. Dazu der führende amerikanische Komplexitätsforscher Stuart Kauffman: „Natürlich sind die Naturgesetze gültig, nur eben nicht immer und überall … Ich glaube nicht an Wunder in dem Sinne, dass ein übernatürlicher Gott die Geschicke der Welt lenkt. Wenn ich von ‚Wundern‘ spreche, dann meine ich Vorgänge, die sich aus keinem Naturgesetz ableiten lassen“. In der Physik, so Kauffman, passieren die Dinge nur, wogegen biologische Systeme handeln. Das Lebendige bringt autonom handelnde Wesen hervor, autokatalytische Systeme also, es gibt eine eigene Kreativität der Natur oder des Universums, sozusagen eine Schöpfung ohne Schöpfer. Selbst die primitivsten Lebensformen treffen eine Entscheidung bezüglich des Futters, bezüglich giftiger Substanzen. Sie unterscheiden gewissermaßen zwischen Gut und Böse. Das Leben entschied sich hunderte Male an den großen Weggabelungen der Evolution entweder für höhere oder für niedrigere, aber ungefährdetere Organisation.
Zum A und O des Materialismus-Naturalismus gehört natürlich auch im Hinblick auf die Evolution des Lebens aus der toten Materie das Dogma des Reduktionismus, die Rückführung auch der kompliziertesten Gebilde auf Einfaches und Einfachstes. Auf diese Weise möchte man besonders die Teleologie, die Zielgerichtetheit und Zweckmäßigkeit in den Organismen der verschiedenen Arten und in der Evolution insgesamt wegerklären. Ganz gelingt das nie, was z.B. daran zu sehen ist, dass selbst fanatische Verfechter des Naturalismus-Reduktionismus dann wieder durch eine Hintertür Zielstrebigkeit einschleusen, wie z.B. auf ihren Vorteil bedachte egoistische Gene, oder von sinnvollen Organisationsprinzipien in den Lebewesen sprechen. Man denke dabei auch an das Allometriegesetz des Münsteraner Evolutionsbiologen Bernhard Rensch.
Karl Popper nannte das Versprechen der Materialisten / Naturalisten, dass man auf jeden Fall irgendwann in der Zukunft eine physikalische oder chemische Erklärung für jedes Rätsel der Evolution, besonders für ungeklärte Mega-Sprünge von der toten Materie zum Leben und vom Leben zum Selbstbewusstsein, finden werde, „Gutscheinmaterialismus“, wobei die Einlösung dieses Gutscheins im Wolkenkuckucksheim der unkalkulierbaren Zukunft liege.
Auch Dawkins hofft inständig, dass wenigstens in ferner Zukunft der Schlüssel zur Lösung des Problems der Entstehung des Lebens aus der Materie gefunden wird. Er ist sich aber klar, dass mit den Hauptinstrumenten der Evolution, der Mutation und der Selektion, nichts zu bewerkstelligen ist, wenn nicht vorher das erste Leben entstanden ist. Denn wie sollen die Arten mutieren und selegiert werden, wenn noch gar nichts lebt?
Aber Dawkins ist im Unterschied zu seinen keine Probleme kennenden Nachbetern in der gbs ganz offen. Er gibt zu, dass man für die erste Entstehung des Lebens ein „Wunder“ brauche, einen „gewaltigen Glückstreffer“, ein „Möchtegernereignis“, an sich „zu unwahrscheinlich, um in Betracht gezogen zu werden“. Wir müssen „eine gewisse Menge an Glück“ voraussetzen, wenn wir das Rätsel, wie das Leben auf der Erde entstanden ist, lösen wollen. Es brauche einen „Super-Zufall“, der das unumgängliche Ereignis darstellt, welches das Leben überhaupt erst in Gang bringen konnte. Diesen Super-Zufall nennt Dawkins das „Ein-Schritt-Zufalls-Ereignis“. O-Ton Dawkins: „Kumulative Selektion ist der Schlüssel, aber sie musste erst einmal einsetzen, und wir kommen nicht um die Notwendigkeit herum, ein Ein-Schritt-Zufalls-Ereignis bei der Entstehung der kumulativen Selektion selbst vorauszusetzen.“ Dawkins sucht geradezu verzweifelt nach dem Zaubermittel, d.h. nach jener „lebenswichtigen Zutat“, jener „grundlegenden Zutat“, die ein toter Planet wie die urzeitliche Erde braucht, um schließlich lebendig zu werden. Das Zaubermittel heißt bei Dawkins „Selbstreplikation“, und ohne sie kann die „kumulative Selektion“, die nur auslesen kann, was bereits lebendig ist, nicht starten, nichts bewerkstelligen. Es müssten, so Dawkins, „auf irgendeine Weise … sich selbst kopierende Gebilde oder, wie ich sie nennen werde, Replikatoren entstehen.“
Was Dawkins Replikatoren nennt, sind die DNS-Moleküle. Ein Gen, also ein DNA-Abschnitt, der sich über unzählige Generationen hinweg mit größter Genauigkeit verdoppelt, ist so ein Replikator. Das Problem ist aber, wie es zu dieser Replikation, zu dieser Selbstreproduktion, Selbstverdopplung, Selbstkopierung und gelegentlichen Fehlkopierung kam. Und dieses Problem hat bis heute kein Forscher gelöst. Dawkins weiß auch, dass DNS-Moleküle bereits hochkomplizierte Gebilde sind. Also gesteht er: „Jener entscheidend wichtige erste Schritt war schwierig“, weil er in seinem Kern ein Paradox enthalte. Scheinen doch die uns bekannten Replikationsprozesse „einer komplizierten Maschinerie zu bedürfen“, um überhaupt funktionieren zu können. Diese komplizierte Maschinerie ist die Zelle, aber die muss schon leben, sonst kann keine Replikation in Gang kommen. Ein Circulus vitiosus!
Das gibt Dawkins auch zu: „Die Theorie des blinden Uhrmachers ist ungeheuer überzeugend, vorausgesetzt, es ist uns erlaubt, Replikationen … anzunehmen. Wenn aber die Replikation komplizierte Maschinen braucht, so stehen wir hier vor einem Problem, da die einzige uns bekannte Art und Weise, wie komplizierte Maschinen entstehen, die kumulative Selektion selbst ist“. Diese aber setzt die Replikation voraus, die somit weiterhin unerklärt bleibt. Ein Teufelskreis für Dawkins und alle Naturalisten / Atheisten.
Das für die Evolution so wichtige Kausalprinzip der Selektion, die, wie wir sahen, ohne das bereits entstandene Leben gar nicht starten kann, hat noch ein weiteres Hindernis zu überwinden, nämlich das Problem der nicht auf einen Nenner zu bringenden Vorteile. Dabei vermengen sich oft zwei verschiedene Vorteilsbegriffe: „Einmal geht es um Mutationen, die situativ vorteilhafte Eigenschaften für eine Tierart hervorgebracht haben sollen. Eine größere Statur, ein pompöseres Geweih, ein stärkeres Gebiss sollen Weibchen beeindrucken und die Nachkommenschaft erhöhen. Da diese Eigenschaften aber oft nichts nützen, wenn der Zufall die Spielregeln der Umwelt ändert, gibt es einen zweiten Vorteilsbegriff. Danach ist das vorteilhaft in der Evolution, was vom Ende her betrachtet dazu geführt hat, dass eine Art überlebt. Nach dieser Sichtweise kann der mickrigste Pavian auf dem Felsen seine Gene weitergeben, wenn die stärkeren Konkurrenten bei einem Erdbeben ums Leben gekommen sind. Angesichts zweier so unterschiedlicher Bedeutungen von Vorteil fragt es sich, ob der Begriff in der Evolutionstheorie überhaupt sinnvoll verwendet werden kann“.
Dieses Suchen nach Vorteilen in den heutigen Evolutionstheorien ist übrigens ein Erbe der Theologie, die vor der Entdeckung der Evolution alles Rätselhafte in der Natur der klugen Vernunft Gottes zuschrieb. Auch Darwin machte denselben Fehler. „Als Student verehrte er den Theologen William Paley (1743 – 1805), der … die göttliche Voraussicht auf den neuesten Stand gebracht hatte. Als Darwin … die natürliche Selektion erkannte, ersetzte er überall, wo Paley ›God does‹ geschrieben hatte, den Satz durch ›Nature does‹. An Paleys Vorstellung, dass die Natur zweckmäßig eingerichtet sei und Vorteile belohne, hielt Darwin ebenso fest wie viele spätere Evolutionstheoretiker“. Auch daran zeigt sich, „wie eng unsere Vorstellung von der Natur bis hinein in die moderne Evolutionstheorie von sehr menschlichen Vorstellungen durchsetzt ist“.
Es kam aber noch schlimmer. Denn heute kleidet sich das Suchen nach Vorteilen in der Evolution überwiegend in die zeitgenössische Ideologie eines globalen Kapitalismus. „Seitdem geht es in den Lehrbüchern der evolutionären Psychologen zu wie an der Wall Street. Vom Kosten-Nutzen-Kalkül im Miteinander ist die Rede, von Investitionen in den Nachwuchs, von Risikostrategien bei der Partnerwahl. Wir halten 50 Prozent des ›genetischen Aktienbesitzes‹ an unseren Kindern, formulierte mit dem Briten Richard Dawkins einer der lautesten Vertreter der Zunft. Und es gibt kaum einen modernen Evolutionspsychologen, der nicht glaubt, was wir alle glauben sollen: dass ausgerechnet die Wirtschaft der Biologie die Spielregeln vorgibt!“ So gebärden sich viele evolutionäre Psychologen als „Raubtierwärter“, die allein egoistische Gene und das Prinzip Eigennutz als „vermeintliche Motoren der menschlichen Evolution“ anerkennen. Nur wenige Biologen, allen voran Frans de Waal, verwehren es sich, „uns als schlecht getarnte Bestien zu beschreiben und den Psychopathen als Normalfall“ bzw. die Moral als „freundliche Tünche auf unserer bösen Natur“ hinzustellen.
Fazit: Das Kausalinstrumentarium, das die Naturalisten präsentieren, erweist sich bei der Erklärung der Entstehung des Lebens und auch bezüglich des Ursprungs neuer Arten von Lebewesen als völlig unzureichend. Das Problem des Zuwachses genetischer Informationen und der Kooperation der Gene im Zellkern zum Zweck der Hervorbringung neuer Arten von Lebewesen übersteigt bei weitem das, was Zufall, Mutation, Mikromutation und daran anknüpfende Selektion zu leisten vermögen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur zwei kooperative Gene spontan anwachsen, beträgt 1:10.0002, also ein Hundertmillionstel. Für die Entstehung einer neuen Tierklasse seien aber im Mittel 2000 neue Gene notwendig. Daher beträgt die Wahrscheinlichkeit eines Zufallssprungs von einer Tierklasse in eine höhere 1:10.000200. Sie ist somit unvorstellbar klein, ja praktisch Null. Das aber müsste sich bis zur Erreichung der Säugetierstufe mindestens 50-mal zutragen, was absolut unmöglich ist. Die einzige Erklärung für die Entstehung neuer Arten ist: die Lebewesen sind auf eine uns nicht bekannte und wahrscheinlich auch nicht erforschliche Weise durch eine intelligente Planung erschaffen worden“.
Eine Mikrorevolution, also eine kontinuierlich in kleinen Schritten verlaufende Entwicklung – für Neodarwinisten und Naturalisten ein unaufgebbares Dogma! – ist zwar eine experimentell nachweisbare Tatsache. Aber sie erklärt lediglich die möglichen Entwicklungen innerhalb einer Spezies. Die Makroevolution aber, also der Übergang einer Spezies in eine höhere, ist dagegen eine nirgendwo nachgewiesene Tatsache, „sondern nur eine Extrapolation, ein Postulat des biologischen Materialismus, der von der Mikroevolution auf die Makroevolution schließt oder sie sogar gleichsetzt. Niemand hat je gesehen, dass sich durch Mutationen und Auslese eine Spezies in eine andere, höhere transformiert hat … Die Makroevolution lässt sich durch kein Experiment, keine Beobachtung nachweisen, weil sie eine Singularität von vielen Milliarden Jahren ist, es gibt nur Indizien, keine Beweise“.

c) Die Problematik des Geistigen
Geist, Geistiges ist das absolute Stiefkind der Naturalisten. Geist kann dem naturalistischen Hauptdogma zufolge nur ein Neben-, Abfall- und Zufallsprodukt der Materie sein. Man kann es eigentlich nicht glauben. Aber dieses unerhörte, supergeniale, einzigartige, mit nichts vergleichbare, alles andere überbietende Phänomen des Selbstbewusstseins, dieses bewunderungswürdige Doppelphänomen des Wissens um sich selbst und um die Welt soll ein Produkt der Materie sein? Eine solche Entwertung des Geistes hängt aber auch damit zusammen, dass naturalistische Biologen, Physiologen, Neurologen die Errungenschaften der modernen Physik nicht kennen oder, völlig fokussiert auf ihr Spezialgebiet, nicht genügend zur Kenntnis nehmen wollen. So wissen sie nicht oder verdrängen, dass wir die Materievorstellung der Newtonschen Physik und die darauf aufbauenden philosophischen Materialismen des 19. Jhdts., der Büchners, Moleschotts, Vogts‘ wie der Altmarxisten Marx, Engels, Lenin und Stalin, längst hinter uns gelassen haben, dass die Materie selbst sich vergeistigt hat, keine grobe klotzförmige Wirklichkeit ist, sondern sich energetisch, wellenförmig, feldmäßig sublimiert und subtilisiert hat, dass sie als Widersacherin des Geistes, gar als seine Erzeugerin überhaupt nicht mehr taugt. Sie erscheint eher umgekehrt als Produkt des Geistes, der sich in ihr und ihrer höchsten Spitze und Krönung, dem Gehirn, diesem Triumph der Biosphäre, inkarniert. Sie haben sich kaum ernsthaft mit den atemberaubenden Erkenntnissen der modernen Physik befasst. Ihnen ist praktisch entgangen, dass im Rahmen der Forschungsergebnisse der Atomphysik die Materie immer mehr ihre massive Festigkeit verlor, immer energetischer, wellenartiger, dünner und transparenter wurde, ja von manchen führenden Quantenphysikern sogar nur noch als mathematisches Symbol gehandelt wird. Wenn sich die Hirnforscher dies zur Erkenntnis und Reflexion brächten, würden sie nicht mehr die Materie als Produzentin des Geistes proklamieren.
Tiefes Nachdenken führt stets von der Physik zur Meta-Physik. Selbst die Quantenphysik der Einsteins, Plancks, Heisenbergs, Schrödingers, Eddingtons ist zur Metaphysik geworden! Nur ein Denken, das an der Oberfläche der Dinge verharrt, bleibt physisch. Wo am Anfang alles Forschens und Suchens nicht das Wissen um die letzte Unerforschlichkeit des Seins und die Achtung und Ehrfurcht vor diesem Geheimnis stehen, dort sinkt Wissenschaft stets zu einer sich überheblich gebenden Pseudo- und Reduktionswissenschaft herab.
Transzendenzoffenheit, Metaphysikoffenheit ist eine notwendige Voraussetzung echten Menschseins, und damit wahrer Humanität. Wer auch nur die Möglichkeit von etwas über das Irdisch-Empirische Hinausgehendem, eben Transzendierendem negiert, blockiert, beschneidet, der begrenzt sein eigentliches Humanum, tötet es auf die Dauer. Die ethische Grundstruktur und Grundausrichtung der menschlichen Existenz tendiert geradezu in Richtung auf eine transzendente Fundierung.
Naturalisten tendieren auch zu etwas, sie neigen zu dem Glauben, in naher oder ferner Zukunft alle Geheimnisse der Natur enträtseln zu können. Aber die Natur ist immer größer, als unsere Vernunft zu erfassen vermag. Nach jeder Enträtselung eines Geheimnisses der Natur glauben sie, nun den Freifahrtschein für die totale Offenlegung alles Seienden in der Hand zu haben. Aber schon nach der nächsten Wegbiegung des Forschungsprozesses zeigt sich, dass jedes gelöste Problem tausend neue beschert.
Zum Problem Gott kann der Typ des Agnostikers, der metaphysikoffen bleibt, lediglich sagen: Das Schlüsselwort heißt eigentlich nicht Gott, sondern Sein, Sein alles Seienden, Urgrund aller Wirklichkeit. Es muss ein Etwas seit Ewigkeit, seit nie angefangener Zeit dagewesen sein, sonst gäbe es bis heute nichts. Denn aus nichts kann nichts entstehen. Aus dem Vakuum, von dem die Physiker sprechen, bilden sich zwar immer neue Mikroteilchen. Aber dieses Vakuum ist auch nicht das absolute, absolut leere Nichts der Philosophie oder der Metaphysik.
Die Stärke der Argumente derer, die eine metaphysische Welt jeglicher Art von Transzendenz leugnen, liegt in der Beweiskraft des sinnlich Wahrnehmbaren, des Sicht- und Greifbaren. Ihre Schwäche darin, dass sie das Unsichtbare mit dem Irrealen gleichsetzen. Denn Unsichtbares ist nicht eo ipso nicht existent. Geist ist also auch das Bewusstsein von der grundlegenden Differenz, das Wissen, dass das, was mein Auge sieht, mein Ohr hört, meine Hand ertastet, meine Haut empfindet, nicht das Ganze und Alles ist, dass alles Sinnliche und Materielle eingebettet ist in eine größere und bedeutendere Wirklichkeit.
Metaphysikoffenheit verträgt sich durchaus mit Agnostizismus, zumindest mit einer Variante desselben: Wir wissen nicht und nie alles, und wir wissen das möglicherweise Richtige nie mit unbedingter, uneingeschränkter Gewissheit. Allein schon dieser unumstößliche Tatbestand führt jeden „Unfehlbaren“ (Papst, Führer, Guru, Messias etc.) ad absurdum.
Selbst der Körper des aus der Tierheit zu echter Humanität aufsteigenden Menschen kann Zeuge der Existenz des Geistes sein. Wie verschieden sind doch die Körper der Menschen! Der eine Körper wirkt lichtlos und dumpf, grobschlächtig und unsensibel. Wie ein seelenloser Klotz, wie eine bloße Masse. Der andere strahlt Geistigkeit aus, ist licht und hell, besitzt eine positiv strahlende Aura. Es sträubt sich etwas in uns, so etwas noch Körper zu nennen. Die deutsche Sprache hat dafür das schöne Wort »Leib« als die Synthese von Geist und Körper, als geistdurchwirkten, geistdurchdrungenen, geistdurchstrahlten Organismus. Ethik – die Liebe zum sittlich Guten; Ästhetik – die Liebe zum Schönen und Erhabenen; Logik – gemeint hier als Liebe zu Erkenntnis, zu radikaler Wahrheit und Wahrhaftigkeit, zu ernstester Sinnsuche. Diese drei Betätigungsfelder des Menschen vergeistigen und durchstrahlen auch seinen Körper. Unser Körper ist nicht einfach da, nicht ein festgelegtes Etwas, auch er ist vergeistigender Evolution fähig. Der Mensch – halb Tier, halb Geist auf dem Entwicklungsweg zu mehr Humanität und Divinität! Doch Geistigkeit, Spiritualität, Feingefühl kann auf die Dauer keiner entwickeln, wenn er nicht auch den Tieren sein aktives Wohlwollen entgegenbringt. Wer sich am Schmerz und Tod der Tiere aktiv beteiligt, und sei es nur durch seinen Fleischkonsum, der stoppt seine geistig-ethische Höherentwicklung. Wie sagt es doch der so skeptische, von vielen Naturalisten so gern zitierte Schopenhauer über den höchsten ethischen Wert: „Güte des Herzens ist eine transzendente Eigenschaft, gehört einer über dieses Leben hinausreichenden Ordnung der Dinge an und ist mit jeder anderen Vollkommenheit inkommensurabel.“


Zur weiteren Begründung des hier Dargelegten siehe folgende Publikationen von H. Mynarek:
Mystik und Vernunft, Münster 2001 (LIT-Verlag).
Ökologische Religion. Ein neues Verständnis der Natur, 2. Auflage 1990 (Goldmann TB)
Religiös ohne Gott?, München 1989 (Goldmann TB).
Die Kunst zu sein. Philosophie, Ethik und Ästhetik sinnerfüllten Lebens, 3. Auflage, Neu-Isenburg 2014 (A. Lenz Verlag).
Die Vernunft des Universums. Lebensgesetze von Kosmos und Psyche, München 1988 (Goldmann TB), Neuauflage Essen 2003 (Die Blaue Eule).
Unsterblichkeit. Berichte – Erfahrungen – Argumente zur letzten Sinnfrage des Lebens, Essen 2005 (Die Blaue Eule).
Die Neuen Atheisten, Essen 2010 (Die Blaue Eule).
Wertrangordnung und Humanität, Essen 2014 (Die Blaue Eule).
Vom wahren Geist der Humanität, Alsdorf 2017 (NIBE-Verlag).

A. Einstein, Mein Weltbild, hrsg. von C. Seelig, Zürich 1953, 10f., 70f.; A. Einstein, Briefe. Aus dem Nachlass, hrsg. von H. Dukas und B. Hoffmann, Zürich 1981, 63.
M. Schmidt-Salomon, Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind, 5. Auflage 2015, München, Berlin.
M. Schmidt-Salomon, Manifest des Evolutionären Humanismus, 2. Auflage, Aschaffenburg 2006, 15.
Ebd. 15 f.
Ebd. 17.
Ebd. 12.
J. Monod, Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Fragen der modernen Biologie, München 1971, 124.
G. G. Simpson, Auf den Spuren des Lebens. Die Bedeutung der Evolution, Berlin 1957, 172, 215.
K. R. Popper (zusammen mit J. C. Eccles), Das Ich und sein Gehirn (The Self and its Brain), Berlin 1977, 5, 7. Ders., Die Logik der Forschung, Tübingen 1976.
R. Dawkins, Der Gotteswahn, 6. Auflage, Berlin 2009, 87f., 157, 223; Dawkins, Der blinde Uhrmacher, München 1996, 164-166.
Ch. Darwin, Mein Leben 1809 – 1882. Vollständige Ausgabe der Autobiographie, hrsg. von seiner Enkelin Nora Berlow, Frankfurt a. M. 2008, 103; Darwin, Über die Entstehung der Arten, in: Ch. Darwin, Gesammelte Werke, Frankfurt a. M. 2006, 353 – 691, hier: 691; Darwin, in: London Illustrated News, 21.04.1862.
Zit., nach F. R. Paturi, Die letzten Rätsel der Wissenschaft, München 2007, 196.
J. Huxley (Hg.), Der Evolutionäre Humanismus, München 1964, 59f.
Ausführlicher und systematischer dazu: H. Mynarek, Die Vernunft des Universums, München 1988 (Goldmann TB), 155 ff (das Buch erschien in 2. Auflage im Verlag Die Blaue Eule, Essen 2003).
R. D. Precht, Tiere denken, München 2016, 45, 43.
S. dazu: H. Mynarek, Vom wahren Geist der Humanität. Der evolutionäre Naturalismus ist kein Humanismus, Alsdorf 2017, NIBE-Verlag.
D. C. Dennett, Den Bann brechen, Frankfurt a. M. 2008, 157 (Titel der Originalausgabe: Breaking the Spell, New York 2006).
Dawkins, Der blinde Uhrmacher 22.
Dawkins, Der Gotteswahn 122.
Der amerikanische Komplexitätsforscher Stuart Kauffman im Gespräch über die Kreativität des Universums mit dem Magazin DER SPIEGEL 1/ 2010, 120.
Zit. und referiert, ebd.
Dawkins, Der blinde Uhrmacher 164f., 196, 153.
Precht, a. a. O. 43f.
Ebd. 44.
Ebd. 106f.
B. Vollmert (Prof. für Makromolekularbiologie und Polymerforschung an der Technischen Hochschule Karlsruhe), Das Molekül und das Leben. Vom makromolekularen Ursprung des Lebens und der Arten 1985, 154f.
Der Evolutionsbiologe J. R. Mayer, zit. nach W. Hoeres, Evolution und Geist. Der Neodarwinismus als Weltanschauung, Stuttgart 1984, 53.
A. Schopenhauer, Zur Lehre von der Unzerstörbarkeit unseres wahren Wesens durch den Tod, Parerga und Paralipomena, Bd. II.1, Züricher Ausgabe 1977, 295f.

Erscheinungsdatum: 21.12.2017