FreidenkerIn ist eine Zeitschrift für Freidenker, Humanisten und Atheisten vom Freidenkerbund in Österreich.
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Hubertus Mynarek ist vermutlich den meisten unserer jungen LeserInnen kein Begriff mehr. Der studierte Theologe war 1971-1972 Dekan der Katholisch Theologischen Fakultät in Wien. 1972 war er der erste Theologe, der aus der Katholischen Kirche austrat. Das bedeutete natürlich den Verlust der Lehrbefugnis und Prof. Mynarek wurde daraufhin mit 43 Jahren pensioniert. In den letzten 40 Jahren verfasste er zahlreiche Bücher zur Religions- und Kirchenkritik. Anlässlich seines neuen Buches „Warum auch Hans Küng die Kirche nicht retten kann. Eine Analyse seiner Irrtümer“, führte die freidenkerIn ein Interview mit dem renommierten Religionskritiker.

FD: Herr Professor Mynarek. Bevor wir auf Ihr neues Buch über Hans Küng eingehen, noch einige Fragen zu Ihrer Geschichte. Warum genau sind Sie damals als katholischer Theologe aus der Kirche ausgetreten?

HM: Ich muss gestehen, dass ich relativ spät, nämlich als 43-jähriger, aus der katholischen Kirche ausgetreten bin. Manche haben mir das auch zum Vorwurf gemacht und auf eine mangelnde Intelligenz geschlossen, wenn einer so lange braucht, um die Kirche zu durchschauen. Es war aber bei mir keine Frage der Intelligenz, sondern der Sozialisation, und wir sehen ja auch immer wieder, wie schwer es so manchem Mitglied der evangelischen oder katholischen Kirche fällt, aus ihr auszutreten, obwohl es sich längst nicht mehr mit ihren Glaubenssätzen, ihrer Moral und ihrer Politik identifiziert.
Meine Sozialisation bestand in einer traditionell-katholischen Erziehung in den Anfangsjahren meines Lebens, die keine tieferen Spuren in mir hinterlassen hätte, wenn ich nicht mit knapp 16 Jahren ein besonderes Erlebnis gehabt hätte. Ich bin als Schlesier 1945 in meiner Heimat geblieben und als im April dieses Jahres Schlesien in polnische Verwaltung überging, wurde ich in ein polnisches Gefängnis geworfen, weil ich Oberjungzugführer in der Hitlerjugend gewesen war. Das war zwar ein kleines Pöstchen in der Nazizeit, aber in den Augen des polnischen Geheimdienstes war es eine schlimme Sache.

Aus diesem Gefängnis kam eigentlich keiner heraus. Jeden Donnerstag ging ein Transport mit Häftlingen Richtung Ostpolen bzw. Sowjetunion. Ich weiß bis heute nicht, warum ich nach etwa acht Wochen ohne Begründung als einziger freigelassen wurde und musste dies in meiner unerhörten Freude über die wiedergewonnene Freiheit und von meiner katholischen Sozialisation her als Wunder, als Fügung Gottes ansehen. Entsprechend fühlte ich mich verpflichtet, nun aus tiefer Dankbarkeit heraus die Priesterlaufbahn einzuschlagen (Näheres dazu in meinen Büchern „Zwischen Gott und Genossen“ und „Eine Jugend im Osten des Dritten Reiches“).
Ich habe damals zwischen dem 16. und 24. Lebensjahr sehr asketisch gelebt, habe auch allen Verlockungen erotisch-sexueller Art widerstanden, um keinen Makel an meiner Dankbarkeit Gott und Christus gegenüber zuzulassen. So wurde ich denn mit 24 Jahren zum Priester geweiht. Zwar hatte ich trotz des an mir geschehenen „Wunders“ meine Zweifel, ob die Kirche wirklich Stellvertreterin Gottes auf Erden und die Organisation sei, die die Menschen zu Gott führe. Zu viele schlechte und meinem Priesterideal nicht entsprechende Kleriker begegneten mir ja schon damals. Bereits bei meinem Eintritt ins Priesterseminar 1948 war ich unangenehm überrascht, als ich merkte, wie viele Alumnen in der damaligen Hungerzeit einzig und allein aus Versorgungsgründen Priester werden wollten. Aber ich bewunderte halt die etwa 10 % Priesteramtskandidaten im Seminar, die wirklich das Priesterideal realisieren wollten.
Ich war dann etwa sechs Jahre lang in der praktischen Seelsorge tätig und schlug danach die Laufbahn zum Theologieprofessor ein. Meine Konzentration auf das Studium, um promovieren und mich habilitieren zu können, war derart intensiv, dass meine Zweifel an Glaube und Kirche zwangsläufig zurückgedrängt wurden. Zwar spürte und ahnte ich immer mehr, dass diese Kirche geradezu einen Widerspruch zu meinen humanistisch-ethischen Überzeugungen darstellt, aber wie gesagt, noch verdrängte ich die sich dadurch möglicherweise ergebenden Konsequenzen. Wahrscheinlich hatte ich auch deswegen aus einer unbewussten Angst vor einer Konfrontation mit der kirchlichen Hierarchie für meine Doktor- und Habilitationsarbeit Themen gewählt, die mit den organisatorischen Strategien, dem Machtstreben und der Profitsucht der Kirche nichts gemein hatten. Das Thema meiner Doktorarbeit drehte sich nämlich um die „Philosophie des religiösen Erlebnisses“, das meiner Habilitation um die Evolutionstheologie von Hermann Schell und Teilhard de Chardin.

Auch noch als Ordinarius an den Universitäten Bamberg und Wien fokussierte ich mich auf die Grenzgebiete der Theologie hin zur Naturwissenschaft und Vergleichenden Religionsgeschichte, bekleidete auch kein Fach wie Dogmatik oder Moraltheologie, bei deren Unterrichtung ich unbedingt auf ideologische Fehler und unmoralische Missstände in der Kirche hätte stoßen müssen. Erst als ich dann aber in den Jahren 1971/72 das Amt des Dekans der katholisch-theologischen Fakultät der Uni Wien ausübte und in Ausübung dieses Amtes auch mit vielen hohen Würdenträgern der Kirche, Prälaten, Bischöfen, Kardinälen, zusammenkam und mit zahlreichen organisatorischen Plänen, Maßnahmen, Strategien der Kirche vertraut wurde, wuchs vor meinen Augen und meiner Psyche das strukturell Antidemokratische und das dadurch bedingte personal Böse in der Kirche zu einem gewaltigen und monströsen Gebirge empor.
Natürlich merkten Kollegen, Freunde, Confratres, dass in mir eine starke Veränderung vorging. Manchen teilte ich auch meine Zweifel und Probleme mit, aber ich traf grundsätzlich nur auf Unverständnis. Die meisten hohen Würdenträger der Kirchen haben das Absolutistisch-Hierarchische, an dem sie ja selbst auch partizipieren, als Teil ihrer Würde und Majestät derart verinnerlicht, dass sie meine Kritik gar nicht ernst nehmen konnten. Sie schoben, wie in solchen Fällen, wenn ein Kleriker abtritt, üblich, alles auf das „Weib“. »Cherchez la femme«! Suchet die Frau, denn alle anderen Gründe, die ein „Abtrünniger“ für seinen Entschluss, die Soutane abzuwerfen oder aus der Kirche auszutreten, vorbringt, seien doch nur Scheingründe. Der eigentliche Grund, weshalb einer der heiligen Mutter Kirche den Rücken kehre, könne doch nur seine unbeherrschte, ungezähmte Fleischeslust sein.
Das war aber nun gerade nicht der eigentliche Beweggrund meines Austritts aus der Kirche, wusste ich doch unter den professoralen Kollegen an der katholisch-theologischen Fakultät der Uni Wien mindestens von zehn „Sündern“, die ihre Verhältnisse mit Frauen hatten und gar nicht daran dachten, ihren Priesterstand oder ihre Theologieprofessur deswegen aufzugeben. Und auch die kirchliche Obrigkeit, die über einen guten Spionagedienst verfügt, gedachte nicht, gegen diese Zölibatsbrecher vorzugehen. Daher schrieb ich ja in meinem „Offenen Brief an den Papst“, mit dem ich im November 1972 aus der Kirche austrat: „Man kann als notorischer Zölibatsbrecher sehr gut in der Kirche leben, wenn man ansonsten brav und gehorsam wiederkäut, was die Vorgesetzten anordnen“. Diese sagen dem sündhaften Opportunisten lediglich, er solle sich an die in der Kirche seit Jahrhunderten wohlerprobte Devise halten: „Si non caste caute“ (wenn schon nicht keusch, dann vorsichtig), damit das gläubige Volk kein Ärgernis nimmt. Solange er sich daran hält, er vor der Öffentlichkeit den frommen und keuschen Heuchler spielt, passiert ihm von Seiten der Amtskirche gar nichts. Man sieht: Der Zölibat ist die strukturell bedingte Heuchelei des Klerus.
Manche Amtsträger sagten mir sogar hinter vorgehaltener Hand ganz direkt: „Hubertus, Du kannst Dir doch bis zur Verlobung mit einer Frau einschließlich alles erlauben, nur heiraten darfst Du sie halt nicht. Das kann doch nicht so schwer sein. Also bleib‘ in der Kirche. Was meinst Du, wie sehr Du der Kirche schadest, wenn Du die Leute, die so an uns glauben, vor den Kopf stößt.“
Ich muss sogar annehmen, jedenfalls spricht vieles dafür, dass selbst das Generalvikariat oder irgendeiner der darin Angestellten ein Interesse daran hatte, die ganze Geschichte mit mir auf dieses Gleis zu verlagern, um damit meiner eventuellen Kritik an den Herrschaftsallüren und -intrigen der Kirche den Stachel zu nehmen. Denn es erschien nach einer meiner Vorlesungen an der Uni Wien ein zuckersüßes, aufreizend gekleidetes Girl, das aufdringlich von mir verlangte, ich solle ihr Meditationskurse, aber nur ganz privat für sie, erteilen. Auch als ich ihr klarmachte, dass es eine ganze Reihe von Klöstern rings um Wien gebe, die Meditationskurse abhalten, war sie nicht abzuschütteln. Als sie dann doch ging, erkannte ich das Unnatürliche dieses Vorgangs und schickte ihr einen meiner wissenschaftlichen Mitarbeiter nach. Und wohin ging diese Dame schnurstracks und direkt? Zum Generalvikariat in Wien! Beweisen kann ich es nicht, aber sehr wahrscheinlich ist es doch, dass da an hoher Stelle ein Komplott gegen mich geschmiedet wurde.
In den Sommerferien des Jahres 1972 zog ich mich in die Einsamkeit der Natur zurück, um mir über mich selbst klarzuwerden. Ich erstellte eine umfängliche Negativbilanz der Kirche, eine ganze Liste ihrer Negativa. Als ich mir diese Liste nach Fertigstellung nochmals zu Bewusstsein brachte, war mir klar: „Du kannst in dieser Kirche nicht bleiben, ohne Deinen Charakter total zu pervertieren“. Es ging mir so, wie es Nietzsche in einem seiner Aphorismen formulierte: „Erst zog ich den Schluss, dann zog er mich“.
Und so trat ich im November 1972 als erster Universitätsprofessor der Theologie im deutschsprachigen Raum des 20. Jahrhunderts aus der römisch-katholischen Kirche aus. „Als Erster“ soll hier gar nicht egoistisch betont werden, sondern lediglich zeigen, wie es selbst kritischen Theologen schwerfällt, die Kirche zu verlassen. Drewermann tat es erst, als er 65 war und als Privatdozent nicht mehr damit rechnen konnte, eine theologische Professur zu bekommen. Uta Ranke-Heinemann, Hans Küng oder Adolf Holl sind bis heute in der Alleinseligmachenden geblieben, obwohl die beiden ersteren mit einem Kirchenaustritt gar nichts riskiert hätten, weil im Unterschied zu Österreich in Deutschland noch weitgehend das Hitlerkonkordat in Geltung ist, das die Zwangspensionierung eines Universitätsprofessors gar nicht erlaubt. Er muss schlimmstenfalls eine gleichwertige Professur in einem anderen Fachbereich erhalten.
Meine Antwort auf den ersten Punkt dieses Interviews ist leider sehr ausführlich geraten, aber es ist m.E. sehr schwierig, summarisch darüber zu reden, wenn man die Hintergründe meines Kirchenaustritts wirklich kennen lernen will (trotzdem: Wer wirklich alle Hintergründe und Beweggründe meines Kirchenaustritts verstehen will, sei auf mein Buch „Herren und Knechte der Kirche“, 3. Auflage, Freiburg 2010, verwiesen).

FD: Wie waren die Konsequenzen? Es wird berichtet, dass es nicht nur Morddrohungen, sondern auch Anschläge auf Ihr Leben gab? Was genau ist passiert und haben Sie konkrete Hinweise auf die Täter?

HM: Natürlich habe ich aufgrund der gesamten Kirchengeschichte der letzten zwei Jahrtausende gewusst: die Kirche verfolgt alles, was ihren Machtinteressen zuwiderläuft, verträgt selbst aber keinerlei Kritik, und sei diese noch so angebracht. Trotzdem war ich doch über die massiv-brutale Reaktion der Kirche auf meinen Kirchenaustritt, meinen Offenen Brief an den Papst und mein die inneren kirchlichen Zustände beschreibendes Buch Herren und Knechte der Kirche überrascht. Diese unangemessene Gegenreaktion der Kirche hing auch damit zusammen, dass man ein abschreckendes Exempel statuieren wollte, um zu verhindern, dass andere Theologieprofessoren den gleichen Schritt wie ich tun.
Das Erste, was mir nach der Veröffentlichung meines Offenen, zugegeben sehr kritischen Briefes an den Papst in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften passierte, waren durchstochene Reifen an meinem in der Nähe der Wiener Uni stehenden Wagen. Das wiederholte sich dann noch einige Male. Das Zweite war die Demontage meines Autos auf der Autobahn Wien-Salzburg. Die Bremsen funktionierten nicht mehr, fast alle Schrauben im Motorraum des Wagens waren gelockert. Ich bedaure, dass ich es mir von der Reparaturwerkstatt, die mich abschleppte, nicht schriftlich geben ließ, denn der Reparateur staunte Bauklötze und wiederholte nur immer: „Das ist ein wahres Wunder, dass Sie noch am Leben sind. Welcher Schweinehund macht nur so etwas?!“ Etwas Ähnliches wiederholte sich noch einmal auf meiner Fahrt von München nach Würzburg, Morddrohungen am Telefon bekam ich jeden Tag.
Hinzu kamen dann weitere negative Konsequenzen. Ich verlor aufgrund des Konkordats zwischen dem Vatikan und Österreich meinen Lehrstuhl an der Uni Wien, obwohl einer der berühmtesten Rechtsgelehrten Österreichs gegenüber der Zeitschrift Profil erklärt hatte: „Wenn der österreichische Staat einen Wissenschaftler vom Range Mynareks nur wegen dessen Kirchenaustritt zwangspensioniert, dann ist das Konkordat in diesem Punkt verfassungswidrig.“
1973 erschien dann mein Buch Herren und Knechte der Kirche bei Kiepenheuer und Witsch, nachdem der Bertelsmann-Konzern unter dem Druck der Kirche vom bereits geschlossenen Buch-Vertrag mit mir zurückgetreten war, obwohl er ursprünglich mein Manuskript voll akzeptiert hatte. In der Interimszeit – Bertelsmann hatte den Vertrag bereits gebrochen, aber die Kirche wusste nicht, dass ich schon einen neuen Verlag hatte – kam ein Delegierter des Münchener Kardinals Döpfner und erklärte mir: „Sie erhalten sofort wieder einen Lehrstuhl, wenn Sie das Buch nicht herausgeben und in den Schoß der Kirche zurückkehren. Wenn Sie das nicht tun, dann werden wir Sie mit 30 und mehr Gerichtsprozessen überziehen und dann werden Sie, im Rinnstein liegend, um die Gnade winseln, von der Kirche wieder aufgenommen zu werden. Denn Scheiterhaufen brennen nicht mehr, aber wir können auch heute noch Menschen finanziell vernichten.“ Es blieb nicht bei der Drohung, denn nach der Veröffentlichung des Buches und den einstweiligen Verfügungen, die die Kirche gegen es erwirkte, wurden zwar nicht 30, aber immerhin 16 Prozesse gegen mich geführt, in denen die Kirchenfürsten, die sich durch mein Buch beleidigt fühlten, Schmerzensgelder von insgesamt 360.000 DM forderten und vom Gericht auch bewilligt bekamen. Als der Bertelsmann-Konzern sah, wie die Prozesse vor dem LG und OLG München wie geschmiert zu meinen Ungunsten liefen, schaltete auch er sich ein und verlangte plötzlich meinen Honorarvorschuss nebst 13 % Zinsen zurück. Insgesamt dauerten die Prozesse sechs Jahre lang und waren die schwerste Belastung meines Lebens. Auch einige von meinen eigenen Anwälten, die zunächst hoch erfreut waren, einen so sensationellen Fall in ihre Hände zu bekommen, kannten später, als ich keinen Pfennig mehr hatte, keine Gnade und pfändeten bei mir munter drauf los. Als man mir die letzte Schreibmaschine wegtrug und ich das Amtsgericht Kitzingen, wo mein Haus stand, darauf hinwies, dass ich als Schriftsteller auf die Schreibmaschine angewiesen sei, erklärte mir dieses: „Kirchenkritische Arbeiten können Sie auch mit der Hand schreiben.“
Angesichts der enormen finanziellen Verluste konnte ich auch mein Haus in Kitzingen nicht mehr behalten. Zwar hatte mir der Direktor einer bayerischen Bank eine Hypothek versprochen, die es mir gestattet hätte, das Haus zu halten. Aber unter dem Druck der Kirche erklärte er mir später, er habe nicht gewusst, dass ich so gefährlich lebe und mich mit der Kirche anlege, er müsse also die Hypothek-Zusage zurückziehen. Ich stand also praktisch auf der Straße.

FD: Sie sprechen von der „Neuen Inquisition“. Was genau meinen Sie damit?

HM: In meinem Buch „Die Neue Inquisition“ lautet der Untertitel: „Sektenjagd in Deutschland“. Und genau darauf ist bei der Frage zur Neuen Inquisition der Fokus zu legen. Wir haben ja in Deutschland und ein paar anderen europäischen Ländern eine Staatskirche bzw. einen Kirchenstaat vor uns. Im Grunde wird trotz Grundgesetz etc. pp. von den Politikern nur eine Religion als Stütze des Staates akzeptiert, das ist die christliche; und nur eine Kirche massivst privilegiert, subventioniert und mit dem Geld aller deutschen Steuerzahler gestützt, das ist die Kirche in ihrer offiziellen katholischen und evangelischen Amtsgestalt. Angesichts der zahlreichen Legitimationsdefizite, die auch jede demokratische Regierung aufweist, sehen Politiker in der von vielen Menschen noch immer geschätzten Institution Kirche eine zusätzliche Stütze für ihre politischen und ökonomischen Maßnahmen. Die beiden Kirchen akzeptieren diese Rolle gern und profitieren von ihr. Sie haben den Verantwortlichen im Staat eingeredet, dass von allen nichtkirchlichen Gruppierungen, Vereinigungen, Weltanschauungsgemeinschaften etc. mögliche Gefahren ausgehen und dass diese unter dem Sammelnamen »Sekten« zusammengefassten Gruppen deshalb zu observieren seien. Demgemäß ernennen nicht nur die beiden Kirchen besonders fanatische Kleriker zu Sektenbeauftragten, die alle anderen Varianten von Religion und Weltanschauung zu kontrollieren und zu diskreditieren haben, vielmehr hat auch der Staat selbst seine Sektenbeauftragten, und jede der im Bundestag vertretenen Parteien besitzt ihre Sektenabteilung, geführt meistens von einem evangelischen oder katholischen Theologen oder fromm gebliebenen Ex-Theologen bzw. einem kategorisch gläubigen Laien.
Man schaue nur einmal genauer hin, wenn irgendeine sog. Sekte durch irgendeinen Vorfall in den Blick der Öffentlichkeit gerät. Wen befragen in solchen Fällen die großen Zeitungen, Zeitschriften, Magazine, Fernsehsender zu dieser Sekte? Natürlich die kirchlichen Sektenbeauftragten, und machen damit den Bock zum Gärtner. Denn selbstverständlich ist die Sektenfrage eine Machtfrage, bei der die Kirche ihre Monopolstellung im Staat behalten will. Was an Verunglimpfungen, Denunzierungen, Diffamierungen, Prozessen gegen „Sekten“ und „Sektierer“ in den letzten Jahrzehnten in Deutschland gelaufen ist, füllt Tausende von Aktenordnern und ganze Bibliotheken. Durch den vermeintlich so lebenswichtigen Kampf gegen die „Sekten“ lenken die beiden Staatskirchen in Deutschland auch sehr effektiv von den Missständen im eigenen Stall ab, von den zahlreichen Fällen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen beispielsweise, oder von der gerade aktuell von atheistischen Gruppen heftig monierten Kirchensteuer und der nicht vorhandenen Trennung von Staat und Kirche. Zu dieser staatlich eingezogenen Kirchensteuer von etwa 9 Milliarden Euro pro Jahr kommen noch staatliche Zahlungen von mindestens 14 Milliarden Euro pro Jahr aus den verschiedensten Titeln an die beiden Staatskirchen.
Das alles ist „wunderbar“ konkordatär geregelt, da können die Kritiker Sturm laufen, sie erreichen seit Jahrzehnten nichts. Das Groteske daran: Hitler hat vorgesorgt, denn das Konkordat der Kirche mit ihm (wohlgemerkt: der erste Staatsvertrag, den Hitler bekam und der ihn hoffähig anderen Nationen gegenüber machte, war ein Vertrag mit der Kirche!) ist heute noch in Geltung. Mit den Privilegien, die Hitler den Kirchen bewilligte, erkaufte er sich ihre Loyalität gegenüber dem neuen Staat und ihre Unterstützung selbst für seine unmoralischsten Aktionen bis hin zum Krieg gegen die Sowjetunion. Bekanntlich begrüßten die Kirchen besonders Hitlers Kampf gegen den „bolschewistischen Untermenschen“. Das Wunder des 2000 Jahre währenden Überlebens der Kirche ist keine Fügung Gottes, sondern die wunderbar clevere Anpassung an jeden Staat, jedes Reich, jedes System, unabhängig von deren moralischer Qualität. Ecclesia meretrix (die Hure Kirche) sagten bereits die Kirchenväter von ihr.

FD: Können Sie uns konkrete Beispiele für die “Ecclestiastical Correctness“ in der modernen Medienlandschaft geben?

HM: Ich könnte Ihnen einen ganzen Katalog konkreter Beispiele für die „Ecclesiastical Correctness“ nennen, muss mich hier aber auf ein paar Beispiele beschränken. Grundsätzlich gilt: Den Kirchen ist nicht zu nahe zu treten; sie sind, wenn überhaupt, mit Samthandschuhen anzufassen; Kritik, wenn sie nun schon unbedingt geäußert werden muss, hat milde auszusehen und sollte mit möglichst vielen zugunsten der Kirche lautenden Einschränkungen versehen werden. Im Großen und Ganzen halten sich alle Print- und Elektromedien an diesen Grundsatz. Dafür sorgt auch die Strategie der Kirche, in allen wichtigen Medien Leute unterzubringen, die bereit sind, die Sache der Kirche in dem jeweiligen Organ zu vertreten.
Das war nicht immer so, aber die Kirche hat dazugelernt. Etwa bis zum Jahr 1995 berichtete „Der Spiegel“ immer wieder einmal mit ganzen Artikeln über Karlheinz Deschner und Mynarek. Später, als Katholiken wie Wensierski, Schwarz, Matussek, Smoltczyk und andere in diesem Magazin einflussreich wurden, erscheint über uns nichts mehr in diesem wichtigen Presseorgan, außer der noch im Jahr 1995 stattgefundenen Ausnahme in einem auf einem evangelischen Sektenbeauftragten basierenden Bericht über „Universelles Leben“, in welchem Deschner und ich wahrheitswidrig als Freunde der Prophetin dieser Sekte apostrophiert wurden (merke: die altbekannte Strategie wirkt in Deutschland teilweise noch immer: Bezeichne jemanden als Sektierer oder auch nur sektenaffin, als Abtrünnigen oder Dissidenten oder gar als Faschisten und Antisemiten, dann ersparst du dir alle Bemühungen um Argumente, der Angegriffene ist in seinem Image sofort beschädigt).
Weiter: Wenn Bischöfe überhaupt gnädiglich an Talkshows teilnehmen, lassen sie sich vorher die Teilnehmerliste geben. Wenn ihnen einer in der Gesprächsrunde nicht passt, stellen sie die conditio sine qua non: Entweder er oder ich. Natürlich gibt das Fernsehen nach und lädt den dem Bischof nicht Genehmen in vollster Ergebenheit aus.
Ich war z.B. vom WDR nach Krefeld eingeladen, um etwas zu dem dort geschehenen Missbrauch eines katholischen Pfarrers an einigen Kindern und Jugendlichen zu sagen. Im letzten Moment, ich stieg gerade in meinen Wagen, um nach Krefeld zu fahren, wurde ich ausgeladen mit der Begründung: „Wir wussten nicht, dass Sie nicht mehr katholisch sind. Somit können Sie auch nichts Objektives zu diesem Priester sagen“.
Nach dem Erscheinen der ersten Auflage meines Buches „Herren und Knechte der Kirche“ lud mich Dietmar Schönherr zu einer Gesprächsrunde im WDR ein. Weitere Teilnehmer waren Uta Ranke-Heinemann und Hardy Krüger sen. Jeder von uns Dreien bekam etwa 20 Minuten für das Gespräch mit dem Moderator zugestanden.
Sehr bald nach der Talkshow meldete sich die Dechantenkonferenz der Erzdiözese Köln und protestierte heftig beim damaligen Intendanten des WDR, Klaus von Bismarck, gegen meinen Beitrag. In ergebenster, unterwürfigster Form erklärte dieser in seinem Antwortschreiben an die Dechanten, er habe nicht gewusst, dass Prof. Mynarek auftreten werde, er könne aber verbindlich versichern, dass Mynarek in seinem Sender nicht mehr eingeladen werde.
Als mein Buch „Jesus und die Frauen“ erschien, wurde es von Dr. Fritz Rumler, dem damaligen Chef des Kulturressorts des „Spiegel“ besprochen, ohne dass ich ihn um eine Besprechung gebeten hatte. Er schickte mir den Vorabdruck dieser Besprechung, und ich empfand sie als sehr adäquat zu meinem Buch, was ich ihm am Telefon auch sagte. Nach Rumlers Aussage sollte der Artikel über mein Buch in der nächsten Ausgabe des „Spiegel“ erscheinen. Aber sechs Wochen lang erschien darüber nichts. Als ich Dr. Rumler deswegen anrief, sagte er mir: „Lieber Herr Mynarek, Sie glauben ja gar nicht, wie sehr die katholische Fraktion bei uns gegen diesen Artikel und gegen mich als dessen Autor wettert. Also, aller Wahrscheinlichkeit nach kann ich ihn nicht bringen. Aber inzwischen habe auch ich meine Skrupel bekommen, schließlich war ich einmal katholischer Messdiener, da bleibt eben immer etwas hängen.“ Rumler hatte mir auch den fanatischsten unter den katholischen Redakteuren des „Spiegel“-Magazins namentlich genannt. Ich rief diesen an und bat ihn, doch auch als Mann seiner Kirche objektiv zu bleiben. Aber er brüllte mir nur zu, er werde alles dafür tun, um Rumler rauszuschmeißen, weil der gegen ein Betriebsgeheimnis verstoßen habe.
Weiterer Fall: Bekanntlich wurde aufgrund der Kosten der vielen Prozesse mit der Kirche auch mein Haus in Kitzingen bei Würzburg gepfändet. Ein Team des NDR reiste an und filmte alle Gegenstände, die aus meinem Haus auf Befehl des Gerichtsvollziehers herausgetragen wurden. Darunter waren auch viele Gegenstände, zu deren Wegnahme er gar kein Recht hatte. Aber er betonte: „Ich bin CSU, mir kann niemand etwas.“ Tatsächlich eignete er sich eine ganze Reihe der Beutestücke für seine Wohnung an. Wie gesagt, die Beutestücke wurden aus meinem Haus herausgetragen und auf Wunsch des NDR-Redakteurs Potthast machte ich zu jedem herausgetragenen Gegenstand einen Kommentar. Ein paar Tage später rief mich Herr Potthast an: „Herr Mynarek, ich bin bereit, den Film zu bringen, aber mein Stuhl wackelt. Ein Bischof (er nannte seinen Namen) hat heftigen Einspruch erhoben. Wahrscheinlich werde ich geschasst.“ Natürlich verzichtete ich auf die Sendung.
Es gibt katholische Journalistenschulen, durch eine derselben ließ sich z.B. auch der bekannte Talkmaster Thomas Gottschalk schleusen; es gibt das sog. „Katholische Büro“ in Berlin, das ununterbrochen auf die Minister Einfluss nimmt; es gibt die medial stets besonders ins Rampenlicht gestellten Kirchentage, die zum größten Teil staatlich finanziert werden; es gibt die ganz auf der Seite der Kirchen stehende Springer-Presse, vor allem die „Bild“-Zeitung („Wir sind Papst“); es gibt den schwerreichen Bertelsmann-Konzern, der die Kirchen, u.a. auch sehr stark die Moskauer Orthodoxe Kirche unterstützt. Sogar die FAZ, meist gelesene Tageszeitung der sog. Intellektuellen, hat sich durch und durch zu einem Papst-Ratzinger-Blatt fehlentwickelt.
Und auch die Verlagslandschaft hat sich grundlegend verändert. Die alten verdienten Verlage Rowohlt, Droemer-Knaur, S. Fischer usw. durften zwar ihren Namen behalten, gehören aber nicht mehr sich selbst, sondern gewaltigen Buchkonzernen und müssen deren Lied singen, das Lied der political und ecclesiastical correctness. Im Grunde gibt es nur noch die vier Großkonzerne Bertelsmann, Holtzbrinck, Springer und den bis dato von den Bischöfen gesponserten Weltbild-Verlag, von dem sich erst in der letzten Zeit die Bischöfe distanzierten, als heftige Proteste gegen pornographische Bücher in diesem Verlag in die Presse gelangten. Geld stinkt eben nicht, auch nicht in der Kirche, wovon die Schwarzgeld waschende Vatikan-„Bank für religiöse Werke“ ein Lied singen kann. Mafia-Anwalt Sindona und Roberto Calvi, Chef der Banco Ambrosiano, lassen als Opfer dieses religiösen Geldinstituts aus ihren Gräbern heraus grüßen!

FD: Im Gegensatz zu Ihnen ist Hans Küng geradezu ein Medienstar. Man könnte ihn auf Neudeutsch auch “Everybodys Darling“ bezeichnen. Was genau werfen Sie ihm vor?

HM: Küng ist ein Medienstar, ein „Everybodys Darling“, weil er genau dem Anforderungsprofil der Medien, dem Postulat der political und ecclesiastical correctness entspricht. Er ist Kirchenkritiker, aber nicht zu sehr. Er ist Kirchenrebell, aber kein die Verhältnisse umstürzender Revolutionär. Die Medien wollen Sensationen, aber die dürfen nicht zu krass ausfallen. Mit den Konservativen und Fundamentalisten in der Kirche können sie nichts anfangen, die sind zu langweilig. Die scheuchen keinen Hund mehr vom Ofen weg. Aber einen, der die Kirche „aus Liebe“ zu ihr kritisiert, der vorgibt, an ihr zu leiden, jedoch betont, die Kirche nie verlassen zu wollen, weil sie „seine geistige Heimat“ sei, damit kann sich jeder Redakteur anfreunden. „Denn dieser Theologe ist ja kein Kirchenfeind, er möchte die Kirche nur ein bisschen reformieren“, so kann sich jeder Redakteur vor seinem Chefredakteur herausreden, wenn der ihn ermahnt und an die ecclesiastical correctness erinnert. Merke: Wirkliche Wahrheit ist immer radikal. „Wahre Worte sind nicht angenehm, angenehme Worte sind nicht wahr“ (Laotse). Und in Wirklichkeit ist es tatsächlich eine clevere Taktik der Kirche, Küng nicht aus der Kirche rauszuwerfen, denn er bedient ja die sich für intelligenter Haltenden in der Kirche, indem diese sich sagen können: „Küng ist doch ein kluger Mann, wenn der in der Kirche bleibt, brauchen wir keine Gewissensbisse zu haben, können auch im heiligen Pferch bleiben.“
Außerdem ist Küng ein cleverer Manager in eigener Sache. Wie mir einer seiner Kollegen an der Uni Tübingen sagte, hat Küng bis 1980 jede seiner Neuerscheinungen der Kongregation für die Glaubenslehre, der höchsten Kontrollinstanz der Theologie, vorgelegt, um nicht evtl. das Schicksal Mynareks zu teilen, dessen Buch „Herren und Knechte der Kirche“ durch einstweilige Verfügungen der Kirche 30 Jahre lang verboten war. Erst 2002 konnte die zweite Auflage erscheinen, 2010 die dritte. Der Kirchenrechtler Johannes Neumann, eine Zeit lang auch Rektor der Uni Tübingen, schrieb mir zu Küng: „Küng und ich haben als nützliche Idioten der Amtskirche fungiert“. Er trat aus der Kirche aus, Küng nicht.
Die Gläubigen können auch kaum lesen, denn Küng schildert ja selber in seinen voluminösen Erinnerungsbänden seine zahlreichen Übereinstimmungen mit Ratzingers Bio- und Bibliographie.
Was genau werfe ich ihm vor? Dass er sich und seine Bücher clever vermarktet, indem er nicht die ganze, rückhaltlose Wahrheit über die Kirche, ihre abergläubischen Dogmen und ihre diktatorische Struktur sagt; spräche er diese ganze Wahrheit aus, dann müsste er konsequenterweise aus der Kirche austreten. Wie schrieb er es doch in einem Brief an mich anlässlich meines Kirchenaustritts? Er teile meine ganze Kritik am evangeliumswidrigen Verhalten der katholischen Kirche, aber er würde meinen Schritt des Kirchenaustritts nie vollziehen. Er pfeife auf Papst und Bischöfe zusammengenommen, wichtig sei ihm allein die katholische Glaubensgemeinschaft. Wer so spricht und schreibt, der ist intellektuell unredlich, weil es keine katholische Glaubensgemeinschaft ohne Papst und Bischöfe gibt. Selbst die vielen Protestbewegungen in der Kirche von Heute, die schon weit über Küng hinausgekommen sind und sich meist nicht mehr an ihm orientieren, haben ja nicht vor, Papst und Bischöfe gänzlich abzuschaffen.

FD: Es wird viele Gläubige und auch Ungläubige überraschen, dass Sie in Küng einen getarnten katholischen Fundamentalisten sehen. Wie begründen Sie diese Einschätzung?

HM: Ich deutete es schon an, viele Gläubige und auch manche Ungläubigen kaufen Küngs Bücher, aber sie stellen sie un- oder kaum gelesen an vorrangiger Stelle ins Regal, weil es schon fast zum guten Ton gehört, den Küng in der eigenen Hausbibliothek zu haben. Deshalb merken sie auch nicht, die meisten Journalisten entdecken es ja auch nicht, dass Küng in Wirklichkeit ein katholischer Fundamentalist in der Maske des liberalen und fortschrittlichen Theologen ist. Beweise? Bitte schön!

1. Er verfälscht und verdeckt in seinen Büchern den, soweit wir ihn mit einiger Wahrscheinlichkeit rekonstruieren können, ursprünglichen, jüdisch-galiläischen Jesus, der nie vorhatte, eine andere, z.B. die christliche Kirche zu gründen, der auch nicht einmal daran dachte, ein katholisches Priestertum, katholische Dogmen und Sakramente und noch kurioser: etwa ein Papsttum zu stiften. Nach Küng aber hat Jesus all dies getan bzw. seinem Willen gemäß in die Wege geleitet. Er stattet seinen Jesus Christus mit allen nur möglichen, denk- und undenkbaren Vollkommenheiten aus, macht ihn nicht bloß zum humansten Vorbild aller Menschen, sondern betont auch, dass er von Gott selbst den Auftrag erhalten habe, eine neue Religion zu gründen und sie in der ganzen Welt zu verbreiten. Dabei setzt sich Küng ganz fundamentalistisch wie die fundamentalistischsten Bibelgläubigen selbst über Aussagen der Evangelien hinweg, wenn diese nicht ganz in sein Konzept passen. Selbst der Jesus der Evangelien sagt nämlich: „Ich bin nur gesandt zu den Schafen des Hauses Israel“ und zu seinen die Missionierung der Menschen beginnen wollenden Jüngern: „Geht nicht zu den Heiden …“, die er übrigens in seinem Gespräch mit der Kanaanäischen Heidin verächtlich als Hunde bezeichnet.

2. Küng will nicht etwa die diktatorische Monokratie des Papstes abschaffen. Er will sie lediglich milder und sanfter in einen »pastoralen Petrusdienst« umwandeln. Er weiß ganz genau, dass dies nur Fassadentünche ist, dass die Kirche, der Vatikan, die Mehrheit der Bischöfe und die gesamten Konzilsbeschlüsse eine solche Umwandlung nicht zulassen, nicht zulassen können, ohne die katholische Kirche als solche aufzulösen. Aber für die Presse macht sich natürlich der Vorschlag eines pastoralen Petrusdienstes sehr gut. Und Küng steht wegen seines Vorschlags wieder in allen Zeitungen.

3. Bis heute haben die meisten Journalisten nicht gemerkt, was Küng mit der Unfehlbarkeit des Papstes und der Kirche meint. Sie feiern ihn als den mutigen Mann, der das Dogma der Unfehlbarkeit widerlegt habe. Aber Küng hat in Wirklichkeit seine beiden Bücher zur Unfehlbarkeit artig als Problem dargestellt, hat die Titel der beiden Bücher vorsichtig mit einem Fragezeichen versehen und sozusagen als Taschenspielertrick für dumme Gläubige den Begriff der Infallibilität durch den der Indefektibilität ersetzt, behauptet aber an zahlreichen Stellen dieser Bücher, dass die einzig wahre römisch-katholische Kirche gar nicht vom Pfad der Wahrheit abweichen könne, somit als einzige die Garantie der Erlösung den Menschen bieten könne.

4. Wie Franz Alt und viele katholische Theologen und Schriftsteller schildert auch Küng Jesus als den Ersten Neuen Mann, der die Frauenverachtung seiner Zeit schon weit hinter sich gelassen habe. In meinem Buch „Warum auch Hans Küng die Kirche nicht retten kann“ zeige ich aufgrund zahlreicher Belege in den Ur- und Frühschriften des Christentums, dass Jesus zwar kein harter, aber gemäßigter Macho war, der die Unterordnung der Frau für selbstverständlich hielt.

5. Ganz wie sein theologischer Kollege Ratzinger, der ständig gegen den Relativismus anpredigt, predigt auch Küng: „Nur das Absolute kann absolut binden!“ Nur ein erneuerter Glaube an den einen wahren Gott verpflichte den Menschen jederzeit zu moralisch richtigem Verhalten! Das Humanum müsse im Divinum (Göttlichen) begründet sein. Menschliche Autonomie müsse durch eine Theonomie (Gottgesetzlichkeit) begrenzt und überhöht werden! Dazu schrieb ein Rezensent: „Offensichtlich kann Küng auf die alte katholische Vision von Vollkommenheit, Absolutheit, also Unfehlbarkeit nicht verzichten“.

6. Unredlich ist Hans Küng auch, weil er in seinem „Projekt Weltethos“ den ganzen Katalog ethischer Werte als aus den Religionen stammend hinstellt, während doch viele dieser Werte auf das religionsunabhängige philosophisch-ethische Denken der Antike zurückgehen. Z.B. hat das frühe Christentum viele ethische Regeln von der Stoa übernommen. (Diese 6 Punkte zu Küng sind weit ausführlicher und präziser in meinem Buch „Warum auch Hans Küng die Kirche nicht retten kann“, Tectum Verlag, Marburg 2012, dargestellt und erläutert worden).

FD: Ähnlich wie Küng agieren auch Eugen Drewermann und Uta Ranke Heinemann. Warum bemerken die sogenannten modernen Christen nicht die Tricks der liberalen Theologen?

HM: Uta Ranke-Heinemann agiert tatsächlich auf derselben Linie wie Hans Küng: sich progressiv-kritisch gebärden, aber auf keinen Fall die Kirche verlassen, weil einen sonst die Medien links liegen lassen. In einem früheren „Spiegel“-Interview sagte sie allerdings ehrlich, sie trete nicht aus, weil sie doch in Wirklichkeit katholischer sei als die katholischen Bischöfe und brav ihre 39.000 DM Kirchensteuer zahle. Wie sehr sie und auch, wie wir gleich sehen werden, Drewermann die Tricks der liberalen Theologen beherrschen, zeigt sich an einem Telefonat, dass Uta mit mir führte. Sie kritisiere, sagte ich, doch so sehr die Mythen des frühen Christentums, dann müsse sie sich doch konsequenterweise vom Christentum abwenden. „Habe ich doch, habe ich doch“, warf sie mir entgegen, „ich schicke Ihnen mein entsprechendes Buch, das dies beweist“. In dem Buch, das sie mir zusandte, stand aber im Buchtitel lediglich: „Abschied vom traditionellen Christentum“, keineswegs vom Christentum überhaupt.

Und Drewermann gibt in seinen Büchern, die sowieso die Masse der Katholiken und Evangelien nicht liest, durchaus zu, dass die moderne Bibelforschung seit dem Beginn der Neuzeit alle Wahrheiten des Christentums als Mythen entlarvt habe. Aber zieht er daraus die einzig notwendige Konsequenz? Nein! Er behauptet, dass die Ergebnisse der historisch-kritischen Methode bei aller Wahrheit nicht im Stande seien, religiöses Leben zu wecken. Religion solle trösten, die Wahrheit könne sie sowieso immer nur in mythischer Umkleidung servieren. Daher setzt Drewermann den ganzen Fokus seines psychotherapeutischen und theologischen Engagements auf den Mythos: „Jesus, der Therapeut“! Jesus sei der größte und wichtigste seelische Arzt der Menschheit!
Aber natürlich verschweigt Drewermann bei seinen vielen Lesungen und Predigten in katholischen und evangelischen Kirchen die fürs Christentum negativen Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung. Der sanfte Fakir, der Mytho-Theologe und Märchenerzähler Drewermann ist beim Kirchenvolk nur so populär, weil er in seinen Reden und Predigten nur Tröstungen verteilt, nur Märchen auf ihren Drewermannschen Sinn hin aufschlüsselt und die nüchterne Wahrheit seinen Hörern nicht zumutet. Das könnte ja seiner Popularität schaden.
Er bekennt sich auch öffentlich nicht zu seiner Freundin, obwohl dieses Bekenntnis eine Bombe wäre, die in der Öffentlichkeit ganz anders einschlagen würde als seine trockenen theoretischen Ausführungen gegen das Zölibatsgesetz. Zwar ist er dann doch mit 65 Jahren, als er nun wusste, dass der Privatdozent Drewermann keine Universitätsprofessur mehr zu erwarten habe, tatsächlich aus der Kirche ausgetreten, aber das wissen nicht viele, und er verschweigt es auch meistenteils vor seinen Hörern, sonst könnte er ja nicht weiterhin in Kirchen und kirchlichen Instituten reden und predigen.

FD: Diese Schizophrenie ist eine Methode als Theologe im 21. Jahrhundert zu leben. Gibt es nicht auch viele Atheisten/Agnostiker unter Kirchenleuten und Theologen?

HM: Tatsächlich haben viele Theologen, katholische wie evangelische, eine Art von Schizophrenie als Methode ihres Verhaltens verinnerlicht. Ich kenne zahlreiche Agnostiker, ja sogar Atheisten unter Kirchenoberen und Theologen. Manche gaben es auch offen vor mir zu: „Natürlich“, so sagen sie, „wäre es deshalb konsequent, die Kirche zu verlassen. Aber was machen wir dann? Unsere materielle Existenz wäre vernichtet“. Ja, das schöne Pfarrhaus mit einer jungen Haushälterin könnten sie dann wirklich abschreiben und auch ihre Kirchenkarriere. Deswegen leben sie dann doch lieber in der Schizophrenie.
Es ist auch wirklich manchmal schwer, mit Theologen zu diskutieren. Wenn sie wissen, dass keine kirchlichen Aufpasser in der Nähe sind, nehmen sie einem den Wind aus den Segeln, indem sie alle fundamentalen Wahrheiten ihrer Amtskirche einfach leugnen oder ganz anders als die Amtskirche interpretieren oder als längst überholt und nicht mehr verpflichtend hinstellen.

FD: Sie sagen, dass die Kirche bereits tot ist. Wie lange wird uns diese Untote dann noch belästigen? Bzw: Kann hier noch postmortale Sterbehilfe geleistet werden? Und wenn ja, wie?

HM: Ich sage es ganz klar: Die Kirche zerfällt in dem Moment, wo sie auf eigenen Beinen stehen muss und keine staatliche Hilfe, keine Unterstützung von Seiten des Staates mehr bekommt. Wir können diese postmortale Sterbehilfe besonders dadurch leisten, dass wir noch engagierter für die saubere Trennung von Staat und Kirche eintreten. Denn was ist eine säkulare Demokratie ohne diese Trennung? Nichts Halbes und nichts Ganzes, sondern ein schmutziges, zur frömmlerischen Heuchelei auch der Politiker führendes Mischwesen.
Man sieht dies wieder ganz deutlich an dem unerhörten Werbefeldzug seit einem Jahr und fortgesetzt bis zum Jahr 2017, dem 500. Jahrestag des legendären Thesenanschlags Luthers. Kirche und Staat geben hier schon wieder große Summen Geld dafür aus, Luther zu einer heldenhaften Kultfigur zu erhöhen, weil ja eine solche immer gebraucht wird, wenn Staat und Kirche in Legitimitätskrisen stecken (vgl. dazu Mynarek, Luther ohne Mythos, Freiburg 2012).

FD: Was können Sie aufgrund Ihrer langjährigen Erfahrung in diesem Bereich uns FreidenkerInnen und HumanistInnen empfehlen?

HM: Wir müssen eine klare und saubere human-ethische Philosophie erarbeiten und aufbauen, die alle Rechte und Pflichten des Menschen umfasst und sich auch durch unser Tun, unsere Praxis, unser Leben als überzeugender erweist als jede Moraltheologie, als jede Theonomie, die auch noch die abstrusesten Moralgebote aus dem Willen Gottes ableitet, die sogar, wie Luther das tatsächlich annahm, aus der Souveränität Gottes herleitet, dass dieser ohne Rücksicht auf Verdienste und Leistungen der Menschen die einen in seiner Herrlichkeit zum Himmel führt, die anderen zur Hölle schickt. Nein, Anstand, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Solidarität, Güte, Feingefühl, gleiche Bewertung aller Menschen usw. brauchen eine saubere reale Begründung, aber keine Empfehlungen oder Befehle aus dem Jenseits.

Erscheinungsdatum: 2017