Kein Zweifel, Jesus hatte Charisma und faszinierte die Leute, insbesondere die Frauen. Aber vollkommen war er nicht, schon gar nicht in ethischer Hinsicht, obwohl ihm dieses Etikett von allen Seiten aufgeklebt wird.

Die Faszination, die von Jesus ausgeht und der sich kaum einer entziehen kann, der sich auf die Beschäftigung mit ihm einlässt, hat mit moralischer Perfektion wenig gemein. Es sind, richtig gelesen, die Texte der Evangelien selbst, die die Perfektionslüge kirchlicher Schönschreiber widerlegen, denn trotz aller Jubel-Berichterstattung des Neuen Testaments blieben darin genügend Andeutungen, Aussagen, Fakten ungelöscht, die dazu nicht passten und uns ein der Wahrheit näherkommendes Bild entdecken lassen.

Von der göttlichen Ausnahmerolle Jesu überzeugte Autoren machen es sich und ihren Lesern zu leicht. Sie entnehmen den Evangelien einen oder ein paar ethische Vorzüge Jesu und blenden andere, negative Charakterzüge völlig aus. Aber da verschiedene Autoren unterschiedlicher Meinung darüber sind, welche ethische Eigenschaft Jesu nun seine höchste und wichtigste sei, widersprechen sich diese vielen Jesus-Bilder wechselseitig. In der Regel werden freilich gläubige Leserinnen und Leser, die ohnehin nicht alle Jesusautoren kennen können, diese Widersprüche nicht bemerken. Das führt dazu – Soziologen haben darauf hingewiesen –, dass es nicht ein Christentum, nicht das Christentum, sondern nur »Auswahlchristentümer« gibt. Jeder Christ schneidet sich den ihm genehmen Teil aus den Evangelien heraus und hält ihn für das Ganze, für das entscheidend Christliche.

Wer aber an den Quellen forscht, wird bald merken, dass die Moral Jesu, insbesondere seine Liebesmoral, mit der offiziellen Kirchenmoral gar nichts zu tun hat.
Die Kirche lehrt eine Moral, die nicht die des Nazareners ist. Sie verkündet sexuelle Normen, einschneidende Beschränkungen, Gebote und Verbote, an die sich Jesus, wie wir in diesem Buch gesehen haben, nicht gehalten hat, ja, die gar kein ethisches Problem für ihn waren. Law and Order, Unfehlbarkeit eines Papstes, eine vatikanische Inquisition, die sich heute ganz harmlos Kongregation für Glaubensfragen nennt – all das war seine Sache nicht gewesen. Sogar Paulus, der eigentliche Gründer des Christentums, hielt wenig vom Gesetz und war fest überzeugt, dass ihn nicht die Einhaltung moralischer Gebote, sondern nur die göttliche Gnade retten und erlösen könne. Aber im Gegensatz zu Jesus litt er an dem Zwiespalt zwischen Gesetz und Gnade und rieb sich daran auf, während sich der Nazarener, nicht zuletzt in seinem Liebesleben, unbekümmert über gesellschaftliche Konventionen und gesetzliche Vorschriften hinwegsetzte. Sein himmlischer Papa (»Abba«) würde es schon vergeben, wenn es denn überhaupt Sünde sein sollte. Hatte er nicht dem »verlorenen Sohn« verziehen, der sein Vermögen »mit Dirnen« (Lk. 15,30) und durch ein »zügelloses Leben« (Lk. 15,13) verschwendet hatte? Mit diesem Sohn sympathisiert Jesus ganz unverhohlen, er ist es, mit dem er sich identifiziert, und nicht der ältere, pflichtbewusste Sohn, der »nie ein Gebot übertreten hat« (Lk. 15,29).

Der Gegensatz zwischen Jesusmoral und Kirchenmoral wird an dieser Stelle krass deutlich. Denn während Jesus auf der Seite des jüngeren, »verlorenen Sohnes« steht, sich mit ihm sogar gleichzusetzen scheint, auf jeden Fall hier etwas von seiner eigenen Lebens- und Liebesgeschichte einfließen lässt, kann man die Kirche beim besten Willen nur dem älteren, dem Law-and-Order-Sohn zuordnen. Wobei ihre Hierarchie sich oft genug nicht an die Moralgesetze hielt, die sie dem Volk hart und unnachgiebig auferlegte. Das vermutlich meinte Jesus mit den »falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber räuberische Wölfe sind« (Mt. 7,15).

Solche Gleichnisse wie das »vorn verlorenen Sohn« oder auch das »vom Pharisäer und Zöllner« desavouieren allerdings nicht nur die Kirchenmoral, nicht nur die Moral der Pharisäer und Essener, sondern in gewisser Weise die philosophischethische Tradition der Menschheit überhaupt. Die »Moral« solcher Gleichnisse lässt Jesus geradezu als Anarchisten erscheinen. Der Pharisäer, den Jesus in seinem Gleichnis verurteilt, repräsentiert in Wirklichkeit das, was die meisten Menschen für moralisch, für ethisch verantwortbar und vernünftig halten. Er stiehlt nicht, bricht nicht die Ehe, begeht keine Ungerechtigkeiten, betrügt und übervorteilt niemanden, gibt den zehnten Teil seines gesamten Einkommens den Armen (Lk. 18,11f.). Er tut also etwas, das seine heiligen Schriften für gut im Angesicht Gottes halten. Die Tugend ist etwas, wonach der Mensch streben soll, weil es auch Gott gefällt – auf diese Formel hin könnte man die Psalmen und alle jüdisch-religiösen Schriften zusammenfassen. Aber nicht nur die jüdische Tradition, auch die Philosophie der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit lehrte mit ganz wenigen Ausnahmen den Vorrang der Tugend vor dem Laster. Das lehren Sokrates, Plato und Aristoteles, das lehren übereinstimmend Stoiker, Thomisten, Kantianer, Moralphilosophen und Humanisten aller Couleur. Sie begründen zwar die Notwendigkeit der Moral meist nicht theologisch, aber sie sehen in ihr etwas, das den Lohn (der guten Tat) immer schon in sich trägt.
Jesus lehrt das genaue Gegenteil. Er bezeichnet den die Gebote übertretenden Zöllner als »gerechtfertigt« (Lk. 18,14), weil es ihm, Jesus, und seinem Gott, so wie er ihn auffasst, so gefällt; weil dieser Gott in der Auffassung Jesu der absolut Souveräne und Autonome ist, der frei entscheidet, wen er belohnen, wen er begnadigen will, der sich doch nicht durch gutes oder schlechtes Tun in seiner Entscheidung beeinflussen lässt. Beeinflussen lässt sich dieser Gott höchstens durch das Eingeständnis der völligen Abhängigkeit von ihm, denn das unterstreicht seine alleinige Herrschaft. »Der Zöllner aber wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern er schlug an seine Brust und sprach: 0 Gott, sei mir Sünder gnädig!« (Lk. 18,13) Nicht die Tugend ist nach Jesus das Kriterium guten, gelungenen Lebens, sondern das stete Bewusstsein der totalen Abhängigkeit von Gott.

Wenn spirituelle Lehrer des Christentums oder »Wort-zum-Sonntag-Prediger« in dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner nur etwas fromm Erbauliches sehen, die »Moral von der Geschichte« darauf reduzieren, dass Jesus hier einfach nur vor übertriebener Selbstgerechtigkeit und geistigem Hochmut warnen will, dann übersehen sie das ungeheuer Schockierende, Anarchische, Revolutionäre dieses Gleichnisses. Das gott- oder naturgegebene Wesen der Moral existiert für Jesus nicht, er vernichtet es geradezu. Keine Kirche kann sich zur Bestätigung für ihre Morallehre auf ihn berufen. Keine Philosophie kann ihre Ethik durch den Hinweis auf ihn, auf sein moralisches Vorbild, sein Reden, seine Praxis stützen oder zusätzlich motivieren. Hier kann man nur einen Abgrund konstatieren, der die »Moral« Jesu von jeder »philosophia« oder »theologia perennis« trennt.

Natürlich kann man mit einer so gearteten, anarchistischen Morallehre und -praxis Jesu keine Ordnung aufrechterhalten, kein Gemeinwesen aufbauen und am Leben erhalten, keine Kirche etablieren. Es ist pure Heuchelei, wenn sich Ordnungen, Systeme, Gesellschaften, Staaten, vor allem aber die Kirchen auf ihn und seine »Ethik« berufen. Er selbst war jedenfalls kein Heuchler. Nichts geißelt er so bedingungslos, so scharf und unversöhnlich wie die Heuchelei der »Schriftgelehrten und Pharisäer«, sprich: der Theologen und Kleriker.

Jesu Kritik an der religiös verbrämten Heuchelei von damals ist absolut, ohne alle Einschränkungen und Abstriche. Damit gilt aber seine schneidende Kritik auch den heutigen Vorstehern der Kirche. Sie haben sich auf »des Moses Stuhl gesetzt«, das heißt: Sie spielen sich als moralische Gesetzgeber der Menschheit auf, erlassen Gebote und Verbote als vermeintlich von Gott Beauftragte, geben »Weltkatechismen« und »Moralenzykliken« heraus. Sie sagen viel »und tun es selbst nicht«; »sie binden schwere Bürden und legen sie auf die Schultern der Menschen; doch sie selbst wollen sie nicht einmal mit dem Finger bewegen. All ihre Werke aber tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden … sie lieben den obersten Platz bei den Festessen und den Vorsitz in den Kirchen und die Begrüßungen auf den Märkten, und dass sie von den Leuten Rabbi (»Hochwürden«, »Monsignore«, Exzellenz«, »Eminenz«, »Eure Heiligkeit« etc.) genannt werden« (Mt. 23,2-7). Deswegen bezeichnet sie Jesus als »geweißte Gräber, die außen schön scheinen, innen aber voll von Totengebeinen und allem Unrat sind ... voll von Heuchelei … gefüllt mit Raub und Unmäßigkeit«; als »blinde Führer, die die Mücke seihen, das Kamel aber verschlucken!«; als »Schlangen und Natterngezücht«; als »Heuchler, die das Reich der Himmel vor den Menschen zuschließen und selbst nicht hineinkommen werden«; als falsche Missionare, die »Meer und Land durchziehen«, um »Genossen zu gewinnen«, die sie dann aber, kaum dass sie im Schafstall der Kirche drin sind, zu »Söhnen der Hölle« machen (Mt. 23,13-34); als öffentliche Beter, die sich, in tiefe Andacht versunken, vor den Menschenmassen zur Schau stellen und fotografieren lassen, in kostbaren kultischen Gewändern an ihnen demütig-angeberisch vorbeidefilieren, eben »um sich vor den Leuten sehen zu lassen« (Mt. 6,5); die ihre guten Werke herausposaunen, »damit sie von den Leuten gepriesen werden« (Mt. 6,2). Wobei noch hinzuzufügen wäre, dass die Mittel für diese guten Werke der Kirche meist von anderen kommen, heute vorzugsweise vom Staat, mit einem lediglich »kosmetischen« Zuschuss der kirchlichen Finanzverwalter, die peinlich darauf achten, dass das Kirchenvermögen keine Einbußen erleidet.

Jesus erscheint in allem, was er sagt und tut, im Guten wie im Bösen, im Gesunden wie Krankhaften, äußerst radikal. Er ist wie Moses, Mohammed, Zarathustra und andere Religionsstifter eine Grenznatur: »verrückt«, egozentrisch, narzisstisch, manisch-depressiv, paranoid, unmoralisch. Er ist ein von apokalyptischen Visionen und narzisstischen Projektionen umgetriebenes religiöses Genie. Er verflucht schroff und rücksichtslos die Städte, die ihn nicht willkommen heißen, obwohl sie im Grunde nichts Böses getan hatten. Sie hatten sich nur »erfrecht«, ihn, den Gesandten Gottes, nicht aufzunehmen (Mt. 10,14f., 11,20-24; Lk. 10,10-16). Dafür sollen sie »ins Totenreich hinuntergestoßen werden« (Mt. 11,23; Lk. 10,15). Denn »wer mich verwirft, der verwirft den, der mich gesandt hat« (Lk. 10,16). Aus seinem Herzen macht er keine Mördergrube. Seine religiöse Egozentrik lebt er ganz offen aus.

Ethisch ist es nicht, wenn er von anderen die bedingungslose Hingabe an seine Person verlangt. Christen machen sich überhaupt nicht das Rücksichts- und Pietätlose im Charakter Jesu klar. Sie könnten sonst aus allen Träumen vom sanften, zärtlichen, ja auch »weiblichen« Jesus fallen, wo ihnen Mytho-Theologe Drewermann doch gerade die tiefe Sinnhaftigkeit dieser Träume mit großer Beredsamkeit erschließt. Welcher Kirchengläubige könnte denn auch schon mit solch radikalen Forderungen leben, wie Jesus sie stellt? »Wenn jemand zu mir kommt und nicht seinen Vater und seine Mutter und sein Weib und seine Kinder und seine Brüder und seine Schwestern und dazu noch sein Leben hasst, kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht mit mir geht, kann nicht mein Jünger sein« (Lk. 14,26f.). Die meisten Christen verdrängen diesen anarchischen Jesus total aus ihrem Bewusstsein. Er steht einem kirchlichen, gutbürgerlichen, Ehe und Familie als höchste moralische Werte predigenden Christentum tatsächlich diametral entgegen; er will keinen Familien- und Gesellschaftsfrieden, »sondern Entzweiung« (Lk. 12,51ff.); er tritt selbst die grundlegendsten, simpelsten Pietätsakte jeder Gemeinschaft wie das Begraben des eigenen Vaters mit Füßen: »Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber folge mir« (Lk. 9,59f.).

Die gleiche Haltung findet sich in seinem Liebesleben. Er preist die stadtbekannte Dirne, die Prostituierte, »weil sie viel geliebt hat« (Lk. 7,47; s. Teil I, 1. Kap.). Vergeblich bemühen sich die kirchlichen Schriftgelehrten, die Agape, die reine, geistige Liebe, in dieser Frau auszumachen. Jesus lobt sie im Gegenteil dafür, dass sie sich so richtig, fleischlich, geschlechtlich total hingegeben hat, ohne die übliche, »normale« Heuchelei von Prostituierten, die dem Freier Hingabe, Liebesseufzer, Orgasmen, Befriedigung vortäuschen, weil sie sein Geld brauchen. Die Hingabe der Dirne, die Jesus lobt, war nicht gespielt, sie liebte, das heißt: Sie brachte sich ganz ein, wollte den Männern, die zu ihr kamen, Freude schenken, aber auch selbst dabei erfreut werden.

Übrigens verkehrte auch Buddha, nicht nur Jesus, mit Dirnen. Er speist manchmal im Hause eines Freudenmädchens, aber er weist dieses wie überhaupt alle Frauen zurück, sobald sie sich ihm als Jüngerinnen anschließen wollen. Warum wohl? Hier liegt ein entscheidender Unterschied zu Jesus, der Frauen in seine Wandergemeinde aufnahm. Buddha, ganz auf die Erreichung des rein geistigen, körper- und weltlosen Nirwana konzentriert, will die leibliche Vereinigung, die fleischliche Vermengung zwischen Jüngerinnen und Jüngern verhindern, weil sie nur den ewigen Kreislauf der Wiedergeburt ankurbelt. Er weiß, wenn Frauen und Männer beisammen sind, passiert es. Jesus weiß das auch. Aber er hat nichts dagegen. Sie sollen Vater und Mutter verlassen und »ein Fleisch werden. So sind sie nun nicht zwei, sondern ein Fleisch« (Mk. 10,7). Mit sublimierender geistiger Liebe hat derlei nichts zu schaffen. In seiner »Neuen Gemeinschaft«, in der nicht mehr die Moralgesetze der Welt herrschen, in die nur Leute eingelassen werden, die Ehe, Familie, Kinder etc. hinter sich gelassen haben, wird auch die paradiesische Liebe schon vorweggenommen.

Wir haben gesehen, dass er seine eigenen erotisch-sexuellen Tendenzen, Stimmungen, Gefühle, Anwandlungen weder verdrängte noch bekämpfte. Und er war sicher kein Meister der »Selbstabtötung«. Mit Askese haben seine Vorstellungen von Heiligkeit ganz gewiss nichts zu tun. Als »Schlemmer und Zecher«, als »Fresser und Säufer«, als »Freund« der Sünderinnen und Sünder haben ihn die Zeitgenossen bezeichnet (Mt. 11,19; Lk. 7,34).

Auch seinen »Machismo« lebte er aus. Er gehörte nicht zur Spezies jener – auch unter Priestern verbreiteten – Softies, die Frauen vorgaukeln, sie seien so ganz anders als die harten Machos, total weich, zärtlich, liebevoll, mütterlich, väterlich, kindlich, je nach Bedarf und Begehren der Partnerin, nur auf Erfüllung ihrer Wünsche ausgerichtet. Wie immer er sich auch in seinen an Nuancen und Facetten reichen Begegnungen und Kontakten mit Frauen verhielt, stets blieb er hoheitsvoll, würdevoll, »der Herr« (Romano Guardini), der das Heft in der Hand behalten musste, aber von den Frauen die volle Hingabe verlangte. Als »neuen David«, als »neuen Salomo«, als König fühlte er sich auch in der Liebe.

War Jesus Ökologe, als den ihn Papst Franziskus bezeichnet, oder war er der »größte Ökologe aller Zeiten«, als den ihn Franz Alt eingedenk des gestiegenen Stellenwerts des Umweltbewusstseins in unserer Gesellschaft zu zeichnen bemüht ist? Die große Ehrfurcht vor der Schöpfung in all ihren Dimensionen, die ihm von allen christlichen Exegeten zugesprochen wird, scheint Jesus jedenfalls nicht gehegt zu haben. Bezeichnend in dieser Hinsicht seine Verfluchung eines gänzlich unschuldigen Feigenbaums: Jesus hat Hunger, der Feigenbaum, den er deshalb ansteuert, trägt aber keine Feigen, weil, wie das Markusevangelium eigens vermerkt, es gar nicht die rechte Jahreszeit für Feigen war. Trotzdem: der Feigenbaum muss dafür büßen. Jesus verflucht ihn. „Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll keine Frucht mehr an dir wachsen. Und der Feigenbaum verdorrte auf der Stelle“ (Mt. 21,18f.; vgl. Mark. 11,12-14).

Es scheint nicht nur die Wut darüber gewesen zu sein, dass sich der Feigenbaum ihm, dem Auserwählten und Einzigartigen, verweigert hatte. Jesus erscheint bei dieser Geschichte noch von einem anderen Motiv geleitet, dem der stolzen Demonstration seiner Macht. Denn als die Jünger „erstaunt fragen: Wie konnte der Feigenbaum so plötzlich verdorren?", antwortet ihnen Jesus: „Amen, das sage ich euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, dann werdet ihr nicht nur das vollbringen, was ich mit dem Feigenbaum getan habe" (Mt. 21,20f.; Mark. 11,21 ff.).

Offenbar will Jesus mit der Baum-Verfluchung exemplarisch seine Macht über die Natur, die Schöpfung demonstrieren und seine Jünger anspornen, es nachzuahmen. Er, der sich vielleicht als der Vollender der Verheißungen des Alten Testaments empfindet, realisiert hier also auch im vollsten Maß den Genesis-Auftrag Jahwes: „Macht euch die Erde untertan!“ (1. Mose 1,28). „Furcht vor euch und Schrecken sei bei allen Erdentieren, bei allen Himmelsvögeln, bei allem, was auf dem Erdboden kriecht, und bei allen Fischen des Meeres; in eure Hand sind sie gegeben“ (1. Mose 9,2)1. Eben auch der arme Feigenbaum, dem gar nichts anderes übrig blieb, als bei so viel Furcht und Schrecken zu verdorren.

Erstaunlich wenig Mitleid mit Tieren zeigt »Ökologe Jesus« in einer anderen Szene, in der er zweitausend Schweine erbarmungslos in den Tod jagt. Es handelt sich um die Geschichte mit zwei (Mt. 8,28) bzw. einem (Mark. 5,2; Luk. 8,27) von Dämonen Besessenen. Auf Bitten der Dämonen, also der „unreinen, bösen Geister" treibt er diese nicht einfach aus dem einen oder den zwei Besessenen aus, sondern lässt sie in die Schweineherde fahren, die daraufhin wie von Taranteln gestochen den Abhang hinabstürzt und elendiglich in den Fluten eines Sees umkommt. Die tierfeindlichen Wünsche der Dämonen interessieren hier Jesus mehr als das Leben der Schweine. Und auch als das Existenzrecht der Hirten, die – ohne Schadenersatz! – ihre Herde verloren und, „von großer Angst gepackt" (Luk. 8,37), in den umliegenden Dörfern und Städten über die Grausamkeit, die ihnen und den Schweinen widerfahren war, berichteten. Kein Wunder, dass die Bewohner dieser Ortschaften voller Angst Jesus bitten, ihr Gebiet gefälligst zu verlassen. Der „Große Prophet“, abgelehnt von einfachen, vernünftigen Menschen, denen an seiner eiskalten Demonstration der Macht über die Tierwelt nichts liegt! (Zur gesamten Begebenheit vgl. Mt. 8,28-34; Mark. 5,1-20; Luk. 8,26-39).
Verachtenswerte Geschöpfe scheinen für Jesus auch die Hunde gewesen zu sein. Das geht aus der Geschichte mit der »Heidin, aus Syrophönizien gebürtig« (Mt. 15,21-28; Mark. 7,24-30) hervor.
Aber nicht nur die Heidin aus Syrophönizien, der er im Gebiet von Tyros und Sidon begegnete, auch andere Nichtjüdinnen lässt der jüdische Mann Jesus seine (religiös begründete) Überlegenheit spüren. Aufschlussreich in dieser Hinsicht ist seine Unterhaltung mit der Samariterin (Joh. 4,1-42), was ich bereits ausführlich behandelt habe.

Aber kehren wir nochmals zur Tierbeziehung des »Ökologen Jesus« zurück. Die Hunde und Schweine scheinen für Jesus das Verächtlichste unter seines himmlischen Vaters Sonne gewesen zu sein. Das beweisen nicht nur die Begebenheiten mit der Schweineherde, die er rücksichtslos in den Tod jagt, und der Heidin aus Syrophönizien; das zeigen auch jene Stellen in den vier Evangelien, an denen er das Heiligste und Höchste in seinem Weltbild in den extremsten Gegensatz zu diesen zwei Tierkategorien stellt: „Gebt das Heilige nicht den Hunden, und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor“ (Mt. 7,6). Ausdrücklich vermerkt die von den beiden Kirchen Deutschlands herausgegebene »Einheitsübersetzung« der Bibel an dieser Stelle, dass „der Ausdruck >das Heilige< ursprünglich wahrscheinlich Opferfleisch bezeichnete, dann im übertragenen Sinn bei den Juden die Thora (das Gesetz) und hier die Lehre Jesu“, womit bewiesen wäre, dass die Tiere, zumindest aber die Hunde und Schweine, keinen legitimen Platz in dieser seiner Lehre haben.

Aber darüber hinaus wird Vegetariern und Veganern kaum gefallen, dass fleischlose Feste, Feiern ohne das Schlachten von Ochsen, Kälbern und Lämmern für Jesus offenbar völlig undenkbar sind. „Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein“ (Luk. 15,23). Die Feste, die er in seinen Gleichnissen beschreibt, haben es auch immer mit ausgiebigen Tierschlachtungen zu tun.

Dass »der größte Humanist und Menschenrechtler« Jesus auch die Institution der Sklaverei durchaus nicht in Frage stellte, sie vielmehr unreflektiert übernahm und sogar zum Vorbild erhob, zeigt die folgende, Jesus zugeschriebene Aussage in den Evangelien: „Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Luk. 17,7-10).
Diese Stelle stellt keineswegs eine Ausnahme dar. Bei Mt. 10,24 z. B. heißt es: „Ein Jünger steht nicht über seinem Meister und ein Sklave nicht über seinem Herrn.“

Was beim »Humanisten« Jesus immer wieder unangenehm auffällt, sind auch die vielen Drohungen mit der Hölle, die noch dazu sadistisch ausgemalt wird. Die Übertreter der Gesetze Gottes werden „in den Ofen geworfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit Zähnen knirschen“ (Mt. 13,41f.), „ihr Wurm stirbt nicht und das Feuer erlischt nicht" (Mk. 9,48). Ein anderes Bild, mit dem gedroht wird, ist das genaue Gegenteil des Licht spendenden Feuers: die äußerste Finsternis: „Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis“ (Mt. 8,11 f.).

Zu rigoros und mit echter Humanität nicht vereinbar ist auch, wenn Jesus für Beleidigungen sogleich die Höllenstrafe vorsieht: Wer zu seinem Bruder sagt: „Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein" (Mt. 5,22). Auch bei den Verführungsmöglichkeiten, die die Welt nun einmal bietet, wird sofort dem ihren Reizen zum Opfer Fallenden die Höllenstrafe angedroht: „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen reizt, so reiß es aus und wirf es von dir! Denn besser ist es für dich, dass eines deiner Glieder verlorengehe, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde. Und wenn deine rechte Hand dich zum Bösen reizt, so hau sie ab und wirf sie von dir" (Mt. 5,29f.). Man vergegenwärtige sich den rigorosen Fundamentalismus, der in diesen Verboten steckt und für deren Übertretung immer und immer wieder die Höllenstrafe angedroht wird. Wie sollen unsere braven Theologen mit der Tatsache fertig werden, dass der Jesus der vier Evangelien ständig die Hölle an die Wand malt? Wollte man behaupten, Jesus habe die über siebzig Höllendrohungen in den Evangelien nicht ausgesprochen, dann müsste man gleich zu der Methode übergehen, alle nicht ins Konzept des vollkommenen, sanften, liberalen Jesus passenden Stellen zu tilgen. Dann bleibt aber von den Evangelien nicht viel übrig. Die fundamentalistischen Höllenankündigungen und -drohungen stehen nun einmal im Neuen Testament, sind also normierende Grundlage für den christlichen Glauben. Und die Vertreter der Amtskirche stehen mit ihrem ständigen dogmatischen Bezug auf die Hölle sogar in ganz anderer Kontinuität mit der „heiligen" Schrift als die progressiven Theologen, die von der Hölle nichts mehr wissen wollen und einfach behaupten: „In der Hölle brennt kein Feuer!“ (Th. Sartory).

Man bedenke auch das Gebot, die rechte Hand abzuhauen, die einen zum Bösen reizt (Mt. 5,30). Hier handelt es sich vornehmlich um die Versuchung zum Diebstahl. Besteht da noch eine unüberbrückbare Kluft zum Sudan oder zum Iran Khomeinis, wo überführten Dieben und Räubern Hände und Füße (manchmal über Kreuz: rechte Hand, linker Fuß) amputiert werden bzw. wurden?
Überhaupt scheint das Vergeltungsprinzip »Auge um Auge, Zahn um Zahn« im Denken des biblischen Jesus eine nicht unbedeutende Rolle gespielt zu haben, auch wenn er in der sogenannten Bergpredigt das Gegenteil betont. Zum Beweis sei das »Gleichnis von den bösen Winzern« angeführt. In diesem Gleichnis vergleicht Jesus Gott mit einem Gutsbesitzer, der einen Weinberg anlegt. Übereinstimmend identifizieren christliche Exegeten diesen Weinberg mit Israel. Auch die »Einheitsübersetzung« der Bibel, herausgegeben im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, Luxemburgs usw. sowie des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und des Evangelischen Bibelwerks betont ausdrücklich auf Seite 1115: „Mit dem Weinberg Gottes ist Israel gemeint“. Der Gutsherr, der seinen Weinberg an Winzer verpachtet und dann verreist, ist also Gott, der seinem auserwählten Volk sein Reich zur treuen Verwaltung übergibt. Aber Gott wird von Israel schwer enttäuscht. Wie die Winzer die Knechte und selbst den Sohn des Gutsbesitzers, die für ihn den „Anteil an den Früchten“ abholen wollen, umbringen, so hat auch Israel die gottgesandten Propheten getötet. Dafür muss nun Rache geübt werden. „Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer töten und den Weinberg anderen geben“ (Mk. 12,9). „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden ... Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen. Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt“ (Mt. 21,42f.; vgl. Mk. 12,10 f.).
Es waren solche Stellen im Neuen Testament, die die biblische Grundlage für die Verfolgung der Juden in vielen Jahrhunderten christlicher Herrschaft lieferten2. Ein Volk, das Gott selbst verlassen und verurteilt hatte, durfte keine Milde seitens des »neuen« Gottesvolkes der Christen erwarten!

Der Jesus des Johannes-Evangeliums verschärft noch die Aussagen gegen Israel erheblich. In den »Streitgesprächen Jesu mit den Juden«, berichtet im 8. Kapitel dieses Evangeliums, bezichtigt er sie alle der Sünde: „Ihr werdet in eurer Sünde sterben … Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt ... Warum rede ich überhaupt noch mit euch? … Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde … Ihr seid nicht imstande, mein Wort zu hören“.

Und dann folgt jener berühmt-berüchtigte folgenschwere Ausspruch, der allen Antisemiten in allen nachfolgenden Geschichtsepochen einen besonderen Offenbarungsgrund für die Verteufelung und Satanisierung der Juden lieferte. Jesus wirft ihnen nämlich vor: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an“. Und „er ist ein Lügner und der Vater der Lüge“. Würde er, Jesus, wie die seinen Gott verleugnenden Juden ebenfalls erklären, er kenne Gott nicht, „so wäre ich ein Lügner wie ihr“.
Es ließen sich noch sehr viele weitere Stellen aus den vier kanonischen Evangelien anführen, die im Widerspruch zum Bild des vollkommenen Jesus, des nach Küng „größten Humanisten aller Zeiten“ stehen. Aber das bereits diesbezüglich Ausgeführte dürfte genügen, um dieses Bild und die ihm zugrunde liegende These als ideologischen, doktrinären, fundamentalistischen, eben dogmatischen Machtspruch und -anspruch der Kirche und ihrer Theologen zu entlarven.

Mit meinen Ausführungen wollte ich aber keineswegs den Eindruck erwecken, als ob der biblische Jesus nur Negatives vorzuweisen hat. Es gibt durchaus kostbare humane, soziale und spirituell erhebende Stellen in den Jesus zugeschriebenen Aussagen der Evangelien. Fast möchte man an eine vorweggenommene antikapitalistische Kritik Jesu denken, wenn er z. B. in der Bergpredigt in ihrer lukanischen Version proklamiert: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden ... Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern“ (Lk. 6,20f., 24f.). Das kann man zwar als billige Jenseitsvertröstung abtun. Aber angesichts der katastrophalen Lage vieler Menschen in der Dritten Welt wird eine nicht-utopische, realistische Sicht der fatalen Situation zugeben müssen, dass es momentan die einzige Hoffnung ist, die vielen Menschen dort noch bleibt und ihnen noch für eine Weile Lebensmut zu spenden vermag. Ganz abgesehen davon, dass jüdische Denker wie Ernst Bloch und Erich Fromm besonders betont haben, dass der Jude Jesus sein Reich keineswegs so jenseitig aufgefasst hat, wie das später die ihn für sich vereinnahmende Kirche tat3.

Angesichts der brutalen Gewalt, wie sie z. B. gerade jetzt im »Heiligen Land« immer mehr eskaliert, halte ich auch die Anti-Gewalt-Stellen in der Bergpredigt in ihrer matthäischen Version für äußerst treffend: „Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden ... Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“ (Mt. 5,5f., 5,9)4.

Es ist nun einmal so, dass der Jesus der Evangelien aus Licht und Schatten, aus positiven und negativen Eigenschaften besteht, wie das für jeden Menschen, auch für andere Religionsstifter wie Moses, Buddha, Mohammed usw. gilt, weswegen sich eine pyramidenförmige Hierarchisierung der vollkommensten Exemplare der Spezies Mensch absolut verbietet. Das vollkommenste, alle anderen Menschen ohne jeden möglichen Zweifel überragende menschliche oder gottmenschliche Individuum gibt es nicht und wird es nie geben! Aber natürlich hat fast jede Religion den Versuch unternommen, sich eine makellose Kultfigur zu schaffen und sie an den »wunderbaren gottgefügten« Anfang und Ursprung ihres Daseins zu setzen. Doch wird jedes gründlichere Studium der Vergangenheit immer wieder zeigen können, dass kein Anfang einer geschichtlichen Entwicklung so wunderbar und perfekt war, wie das die Späteren hinzustellen bemüht waren. Kein Beginn innerhalb der verschiedenartigen Aufbrüche in der Menschheitsgeschichte war über jeden Zweifel erhaben. Ohne diesen Zweifel gäbe es gar keine Aufklärung. Man muss ihn geradezu zum heuristischen Prinzip bei der Erforschung jedes Neubeginns erheben! Das sollten sich auch Theologen zu Herzen nehmen und keinen Göttlich-Vollkommenen an den Anfang der Christentumsideologie setzen.

Die Sache des ursprünglichen, des jüdischen Jesus endet in einer Tragödie, die man unter einem etwas anderen Aspekt auch als Tragikomödie bezeichnen könnte. Denn dieser Mann, der mit einem „unglaublichen Machtanspruch“, mit einer „ungeheuren Autorität“ auftrat, so dass ihn manche seiner jüdischen Zeitgenossen für einen „Scharlatan“, einen „überdrehten Neuerer“, einen „Irren“ mit „völlig aberwitzigem Anspruch“4 hielten, dieser Mann tat am Ende seines kurzen Lebens etwas noch weit Verrückteres: Er zog in Jerusalem ein, in die Tempelstadt, die Stadt der jüdischen Hohenpriester und der römischen Besatzungsmacht.

Christliche Exegeten und Theologen rätseln, warum er das tat. Sie können ihrem Jesus, den sie für den Christus halten, doch immer nur die edelsten, besten, vernünftigsten Motive unterstellen. Das fällt hier besonders schwer, denn die Irrationalität seiner Aktion drängt sich geradezu auf. Er wusste ja, in welche Gefahr er sich begab vor Beginn des Pessachfestes, in dem die politische Atmosphäre jeweils zum Bersten gespannt war. „Wer in die heilige Stadt einzieht, den Tempel aufsucht, Verkäufer aus dem Vorhof vertreibt, Tische der Geldwechsler und Stände der Taubenkrämer umstößt", den Tempel als „zur ,Räuberhöhle' verkommen“ beschimpft, ja auch die „wirtschaftliche Macht der Tempelaristokratie, die vom Handel in den Vorhöfen anteilig profitierte“6, attackiert, will der nicht um jeden Preis und gegen alle Vernünftigkeit provozieren und damit seinen möglichen Tod bewusst riskieren? Aber „welchen Sinn macht der Tod des Messias, da er doch gerade erst gekommen war? Aus jüdischer Sicht keinen: Wenn der Messias stirbt, stirbt die Hoffnung auf den Erretter und das durch ihn kommende Heil.“7

Ich plädiere daher für ein anderes Hauptmotiv, eine andere Sicht auf diesen Vorgang. Dieser noch relativ junge fromme Mann Jesus, der nur ein, zwei oder allerhöchstens drei Jahre öffentlich auftrat, der trotz aller Missgunst der Etablierten so viel Zustimmung und Applaus für sein Wirken erfahren hatte, dazu noch über eine enorme Dosis Selbstbewusstsein verfügte, so dass er sein eigenes Tun und Verhalten stets in Übereinstimmung mit seinem wahren Vater im Himmel sah, war überzeugt, dieser Papa (»Abba«), der seine Sonne über Gerechten und Ungerechten aufgehen, seinen Regen auf Gute und Böse niedergehen lasse (Mt. 5,45), der gütig selbst zu Undankbaren und Bösen sei (Lk. 6,35), werde doch sein, d.h. Jesu kühnes, zutiefst messianisches Vorgehen durch ein Großereignis bestätigen und legitimieren. Deshalb der sensationelle Einzug in Jerusalem, das energische Schwingen der Peitsche gegen die Händler im Tempelvorhof, die Agitation gegen die jüdische Obrigkeit.

Aber die Sanktionierung seines Gottes- und Lebensbildes durch Jahwe blieb aus. Gott schwieg, sowohl am Ölberg wie am Kreuz. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich im Stich gelassen?“ (Mk. 15,34). Dann starb Jesus, und damit war seine Sache zu Ende. „Als Messias war Jesus also gescheitert: Der neue Davidide hing, erniedrigt und gedemütigt, am Kreuz, die Römer blieben dominante Besatzer, und das Volk war nach wie vor zerstreut. Genau genommen steht am Anfang des Glaubenswunders von Jesus das totale Versagen: Jener, der die Vollmacht Gottes zu besitzen vorgab, hat eben diese Vollmacht doch nicht. Würde er sonst sterben? Ein Irrtum. Eine Katastrophe.“8

Jedoch nicht für Machttypen wie Paulus und seine Anhänger. Und so hieß es „wenig später auf einmal, Jesus, der Christus, sei für die Sünden der Menschen gestorben. Auch das war neu, und es war ein ganz anderes Verständnis von einem Messias, als man es aus den jüdischen Texten bisher kannte. Auf einmal war der Tod des Gottgesandten nicht die alles widerlegende Katastrophe, nein: Er war folgerichtiger Bestandteil des neuen Weges. Und dieser Weg, so ging die verblüffende neue Perspektive weiter, musste durch den Kreuzestod zu Auferstehung, Himmelfahrt und Erhöhung führen. Die Geschichte des galiläischen Wandercharismatikers endete nicht am Kreuz, denn der Tod des Gesalbten machte Sinn – das war die Lehre des Paulus. Hier übersetzte sich das Judentum ins Christentum. Hier begann die neue Zeitrechnung.“9

Aber schwindelig kann es einem schon werden, „wenn man den gewaltigen Aufstieg betrachtet, den die Kirche ihrem Herrn ermöglicht hat. Historisch nüchtern betrachtet ein frommer jüdischer Wanderprediger, hat die Kirche ihn, einen Menschen, zu nicht weniger als einem Gott gemacht. Durch seinen Tod und seine Auferstehung ist er nun ,Herr über Tote und Lebende', nun hat er an ,der Macht und Autorität Gottes selbst' teil, nun besitzt er ,alle Gewalt im Himmel und auf Erden'. Christus ist nun ,Herr des Weltalls und der Geschichte‘ (KKK, 668). So deutlich wie bei keiner anderen Religion hat die wissenschaftliche Erforschung der Anfänge des Christentums und des Lebens Jesu beispielhaft gezeigt, wie das geht, wenn sich Menschen einen Gott erschaffen. Wie ein einzelner Mensch, ein religiöser Enthusiast oder Extremist eine Anhängerschar sammelt und diese durch entscheidende Propagandisten und natürlich eine Fülle von geschichtlichen Zufälligkeiten sich selbst dem Vergessen entreißt und dauerhaft wird. Wie die entscheidenden Inhalte des neuen Glaubens aber nicht von seinem vermeintlichen Gründer gewonnen werden, sondern sich in den ersten Generationen autonom und vielfach auch im Widerspruch zu ihm bilden. Wie das Karussell der religiösen Verehrung sich immer schneller dreht, die religiöse Phantasie immer Größeres fordert und die Dogmatik der Kirche ihr diese Wünsche erfüllt. Am Ende wird aus einem Menschen ein Gott, aus dem Geschöpf ein Schöpfer und aus einer jüdischen Sekte eine Weltreligion. Jesus von Nazareth ist die am meisten überschätzte Person der Weltgeschichte, die sich auf ihn berufende Kirche tanzt um das goldene Kalb.“10

Diese Überschätzung macht auch Hans Küng mit, wie seine Ausstattung des Jesus mit allen Hoheitstiteln des Christus – ganz nach dem Vorbild des Paulus – beweist. Im Grunde sollte man die Christen »Paulinisten« nennen und Küng ebenfalls!

Vielleicht stehen wir hier sogar vor einer der schlimmsten Usurpationen der Weltgeschichte: Man hat einen diesbezüglich völlig Unschuldigen für einen ganz anderen Zweck vereinnahmt, letztlich und im Endeffekt für eine von unfehlbarem Größenwahn und Herrschsucht besessene Kirche, eigentlich und umfassender gesagt: für alle „christlichen“ Kirchen, denn ein freies, nichtkirchliches Christentum hat ja eigentlich nie existiert, hat es jedenfalls niemals zu irgendwie gearteter Geschichtsmächtigkeit gebracht und hat selber auch nie den Betrug am jüdischen Jesus an den Pranger gestellt oder gar seine kompromisslose Gewalt- und Besitzlosigkeit sowie seinen Aufruf zu radikaler Nächsten-, ja Feindesliebe zu realisieren versucht.

In Wirklichkeit scheint der ursprüngliche jüdisch-galiläische Jesus ein wirklicher Mensch gewesen zu sein, einer mit Fehlern und Mängeln. Wir können seine Spuren sogar noch in den vier kanonischen, kirchlich anerkannten Evangelien ertasten, weil es, wie schon gesagt, eben nicht vollständig gelang, diese Spuren ganz wegzuwischen. Um es gleich vorwegzusagen: Selbst der Jesus der vier kanonischen Evangelien weiß nichts von seiner absoluten sittlichen Vollkommenheit, die ihm doch die Kirche offiziell-dogmatisch und alle Theologen im Schlepptau der Kirche attestieren. Er weiß nichts von seiner totalen Sündlosigkeit. Vielmehr lässt er sich im Jordan von Johannes dem Täufer wie alle anderen Sünder und Buße Tuenden taufen (Mk. 1,1-9). Er herrscht den Mann, der vor ihm auf die Knie fällt und ihn mit »Guter Meister« anredet, schroff an: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen" (Mk. 10,17f.). Von der Trinität, der allerheiligsten Dreifaltigkeit Gottes scheint dieser Jesus also auch noch nichts gewusst zu haben. Also stimmt auch die Gotteslehre der Kirche nicht mit der Vorstellung überein, die Jesus von Gott hatte.

Zwei Schlussthesen als Ausklang des Buches: Ich bin überzeugt, dass Jesus, wenn er denn gelebt hat, ein galiläischer Wanderprediger war, der gar nicht daran dachte, seine jüdische Religion zu verlassen oder gar eine neue zu gründen. Dinge wie die Geburt aus einer Jungfrau, die Erbsündenlehre, der Tod Jesu am Kreuz zur Tilgung der Sünden der Menschheit oder die Einsetzung eines kannibalistischen Abendmahls, in dem das Blut und der Leib der Gottheit genossen werden, wären dem Juden Jesus nicht mal im Traum eingefallen. Insofern schwebt das Christentum in der Luft, es hat keine Grundlage in der wirklichen Geschichte, zumindest nicht die, die die Kirchen und gewisse sich christlich nennende Parteien behaupten und proklamieren.

Aber das Kuriose ist: Der enorme Glaubwürdigkeitsverlust des Christentums und der Kirchen seit der Aufklärung ändert nicht automatisch etwas an den realexistierenden Machtverhältnissen. Das realexistierende, also das als Kirche existierende Christentum ist universales und totalitäres Machtstreben unter dem Vorwand der Religiosität. Und Macht ist Geld! Solange die Kirchen jährlich 10 Milliarden durch die staatlich eingezogene Kirchensteuer und weitere jährlich mindestens 14 Milliarden aufgrund diverser Privilegien vom Staat geschenkt bekommen, wird sich an diesen Machtverhältnissen kaum etwas ändern, können die Kirchen mit diesem Geld alle wichtigen Zweige und Institutionen des öffentlichen Lebens schmieren, massiv beeinflussen und unterwandern.11

1 Ausführlicher dazu: H. Mynarek, Ökologische Religion. Ein neues Verständnis der Natur, 2. Auflage München 1990 (Goldmann TB). Neuauflage u. d. T.: Ein neues Verständnis der Natur. Ökologische Spiritualität, Verlag für Schöne Künste, 2020. Ders., Mystik und Vernunft, Alsdorf 2018 (NIBE), darin zu unserer jetzigen Thematik die Kapitel: „Die Bibel und die Natur“ und „Christentum und Naturfeindlichkeit“.
2 Dazu ausführlich das Kap.: „Die Inquisition und die Juden“, in: H. Mynarek, Die neue Inquisition, Als-dorf 2018 (NIBE).
3 Vgl. H. Mynarek, Das Gericht der Philosophen. Ernst Bloch – Erich Fromm – Karl Jaspers über Gott – Religion – Christentum – Kirche, Essen 1997 (Die Blaue Eule), 44 ff., 96 ff.
4 Zwar verweist H. Albert in seiner Kritik an Küng (s. „Aufklärung und Kritik“ 1/2006, 15 f.) auf den egois-tisch-utilitaristischen Charakter der jesuanischen Ethik (auch im Anschluss an A. Schweitzer und W. Kaufmann). Doch vergessen alle drei, zu wem Jesus spricht, nämlich zu den Ärmsten der Armen, denen man nicht gleich eine selbstlose Ethik materiell gesättigter Kant-Jünger vorsetzen kann und denen man auch nicht die Jenseitshoffnung nehmen sollte, wenn man ihnen das Diesseitsparadies der Reichen nicht ermöglichen kann und oft auch gar nicht will.
5 C. Markschies, Ein unglaublicher Machtanspruch, in: Der Spiegel (Sonderausgabe) 6/2011, 40, 43.
6 C. Schüle, König der Wahrheit, in: ebd. 33.
7 Ebd.
8 Ebd.
9 Ebd.
10 Kubitza, a.a.O. 150.
11 Der vorliegende Aufsatz ist ein Kapitel aus dem neu erschienen Buch H. Mynareks:“ Die Jesus-Fälschung – Wie ihn die Kirche zum vollkommensten Menschen und Gott machte“ NIBE Media, Alsdorf 2020

Erscheinungsdatum: 26.03.2020